Donnerstag, 13. Januar 2011

Warum ich spontanen Beisetzungswünschen gegenüber skeptisch bin

Ich verstehe mich mit meiner Frau eigentlich sehr gut. Aber manchmal hapert es. Oder es hakt. Dann ist einfach mal die Kommunikation gestört.

Sowas gehört nicht an die Öffentlichkeit? Doch, weil es lustig ist und man damit zum Objekt empirischer Forschung werden kann.

Meine Liebste stammt aus einem Land, in dem man die Uhrzeit nicht richtig ablesen kann. In dem man z.B. Schmuck und Uhr anzieht, und in dem ich beim Bäcker keine Pfannkuchen bekäme. Sollte ich dann dafür vielleicht "Teilchen" mitbringen? Naja, irgendwas war da jedenfalls mit Backphysik.

Okay, wer schonmal irgendwann aus seinem Nest rausgekommen ist, weiß um was es geht. Ich sage "dreiviertel Zwei", sie "Viertel vor". Ich muss mich auslachen lassen, wenn mir mal "Plaste" rausrutscht, während ihr mein Kichern sicher ist wenn nach langem Zögern die, um Korrektheit bemühte, Frage kommt: Wieviel Uhr sind es?

Obwohl beide deutsch sozialisiert (sogar irgendwie preußisch) benutzen wir für manche Alltäglicheiten ganz unterschiedliche Wörter und Wendungen.
Nun war das bisher ein privater Spaß, wenn sich die Schwiegereltern über "Broiler" amüsierten und ich beim besten Willen nicht wusste, welche Bedeutung das Wort Pfuschen (oder fuschen?) außer am Bau noch haben kann. Aber seit gerade eben bin ich Teil eines diesbezüglichen Forschungsprojekts.

Gestern bin ich per Link bei der taz (keine Ahnung, wie ich dahin kam) über den Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) der Uni Augsburg gestolpert und stöberte ausgiebig darin herum. Vielmehr wir taten es gemeinsam und bewiesen uns damit gegenseitig, dass wir völlig korrekt reden würden.
Jedenfalls wars lustig, und interessant zu gucken, welch merkwürdige Ausdrücke und Redewendungen wo verbreitet sind. Man hat schon einigen Spaß dabei.

Damit die Wissenschaftler aber auch in Zukunft auf eine breite, möglichst noch breiter werdende Datenbasis zurückgreifen können, habe ich mich dann heut früh an der Umfrage zur achten Runde beteiligt. Kann jeder machen, kostet nur ein paar Minuten, und mir zumindest wuchsen auch ein wenig die Augenbrauen in die Höhe.

Was bitte kann denn eine "huren Freude" für uns gewesen sein? Und wo redet man denn so? Im Saarland vielleicht? (Ein äußerst fideler Saarländer hat mir jedenfalls mal erklärt, was 'ne "Rutschbux" und ein "Gaudizappen" sind. Das könnte damit zu tun haben.) Ähem *räusper*

Aber Eines - also sorry, wenn ich da jemals missverstanden werden sollte - würde mich auf jeden Fall kurz die Fassung verlieren lassen. Bitte frage mich niemand, ob man sich hier (bei mir) denn wohl "beisetzen könne". Nachdem ich das nun gelesen habe, werde ich die Assoziation zum geäußerten Wunsch nach Selbstbegräbnis wohl nie wieder loswerden. :-D

P.S. Und jetzt möchte ich noch wissen, ob außerhalb meiner Schwiegerfamilie noch irgendjemand das Wort "Ussel" kennt, und ob "zweee" wirklich das einzige deutsche Wort mit drei "e" am Ende ist.

Kommentare:

  1. "Boah, watt ein Ussel!" (Könnte sich ja ruhig mal die Haare kämmen).
    Na sicher kennt man das. Komme aus Recklinghausen.

    Und Ruhrpottsprak ist zum Beispiel auch das drollige: Komma bei mich bei! (Zum Thema Beisetzung)

    Rutschbux kenne ich nicht, aber die bayerische Stehbrunzhosen. Die haben da unten sowieso ganz fantastische Vokabeln. Ich sage nur "dreckerte Maus" :-)

    Viele Grüße
    Daniel

    AntwortenLöschen
  2. Ach da kommt das her. "Usselig" ist jedenfalls schön praktisch. Man kann es in jeder Lebenslage benutzen, wenn man irgendwas "so halb widerlich" findet. :-)
    Die Stehbrunzhosen sind garantiert auch Rutschbuxen. Der bei uns gebräuchliche, abschätzige Begriff dafür wäre jedenfalls nicht zitierfähig.
    Ja, und zum "Beisetzen" ... also, wenn ich es gehört hätte (habe ich bestimmt schonmal), hätte ich mir garnichts dabei gedacht. Aber jetzt habe ich es gelesen! Und da dachte ich erst, ich guck nicht richtig.

    Wie gesagt, schon lustig das Ganze.

    Beste Grüße, Calimero

    AntwortenLöschen
  3. Die "huren Freude" ist aus der Schweiz … es mag Deutsche erstaunen dass bei uns "hure" ein normales Wort ist dass wir huren gerne und vorallem huren oft benutzen. Auch schon mal in ganz formellem Kontext. Angeblich soll es eine Verkürzung von "unheimlich" sein—wer’s glaubt :)

    AntwortenLöschen
  4. Lieber Daniel,

    ja, das "Komma bei mich bei" fand ich auch lustig, als wir ins Ruhrgebiet zogen; und "Mojen faama nach Omma".

    Oder "Et fängt am Reechnen". Oder einer fragt am Tresen: "Geese aufe Aabeit?"

    Sowas hatte ich zuvor nur von Adolf Tegtmeier gehört. Ich habe mich schnell daran gewöhnt - eine knappe, witzige Sprache, ähnlich dem Berlinerischen.

    Herzlich, Zettel

    AntwortenLöschen
  5. Schau an, die 'huren Freude' haben also auch die Schweizer erfunden. :-o
    Sieht aber immernoch komisch aus, wenn man das so schreibt.

    Als ich vor ein paar Jahren in eine neue Wohnung zog, habe ich auch erstmal die vorhandene TV-Ausrüstung übernommen.
    Leider hatte ich aber den Code zum umprogrammieren nicht. So kam ich in den Genuss des schweizer Pro7. Und, ganz ehrlich, ich musste mich wirklich voll konzentrieren um da was zu verstehen. Ist schon eine komplett fremde Sprache. Der Assimilant Kurt Felix hatte mich wohl jahrelang getäuscht. ;-)

    AntwortenLöschen
  6. Ich habe eben mal nachgesehen, lieber Calimero: "Hure" kommt aus einer indogermanischen Wortwurzel, die "lieb" und dergleichen bedeutet; davon das lateinische carus, das italienische caro usw. Vielleicht hat sich das ja irgendwie im Schweizerischen erhalten?

    Herzlich, Zettel

    AntwortenLöschen
  7. Und auf niederländisch heißt "verhuren" verleihen. Mischen wir das jetzt mit Zettels Entdeckung zusammen, kommen wir auf "verliehene Liebe", und das trifft es doch ziemlich gut, womit man "Hure" allgemein in Verbindung bringt ;-)

    AntwortenLöschen
  8. "Und auf niederländisch heißt "verhuren" verleihen"

    Wozu dann "heuern" paßt und to hire. Ich habe eben mal nachgesehen: Dahinter steckt mhd. hūren, vermieten.

    Und das weckt dann doch Zweifel daran, daß die Ableitung der Hure von dem indogermanischen Wort für "lieb" richtig ist.

    Wie überhaupt solche Ableitungen ja oft nur Vermutungen sind. Man kennt die Zwischenglieder nicht, aber man kennt die Lautverschiebungen und sucht dann passende "Wortwurzeln".

    Schade, daß Califax sich so selten sehen läßt; der könnte dazu sicher Interessantes schreiben.

    Herzlich, Zettel

    AntwortenLöschen
  9. So ganz klar ist mir das mit der indogermanischen Wurzel sowieso nicht. Wie sieht die denn eigentlich aus, wenn sich daraus sowohl "huren", wie auch "caro" und "carus" ableiten soll?

    Nebenbei, ich bin ja kein Etymologe, aber sind die indogermanische und die romanische Sprachfamilie nicht zwei Paar Schuhe?

    Mir ist immernoch rätselhaft, wie es zum schweizer "huren" kommt. Ob Gansguoter da vielleicht weiterhelfen könnte?

    Beste Grüße, Calimero

    AntwortenLöschen
  10. Wunderbares Spielzeug, der Dialektatlas :-)

    Zum Thema "huren Freude": Aus dem Allgäu, das ja von uns aus gesehen der Schweiz am nächsten liegt, kenne ich von Bekannten auch "Hurament!" als Erstaunensausruf.

    Gruß Petz

    AntwortenLöschen
  11. Hier kann man mal seine Schweizerdeutsch-Kenntnisse testen. Ich hatte 7 von 10, das aber auch nur mit Ach und Krach.

    http://www.ftd.de/wissen/quiz/:audio-quiz-verstehen-sie-schweizerdeutsch/50207469.html

    AntwortenLöschen
  12. Köstliche Diskussion :-)
    Das verhuren der Niederländer passt wirklich sehr gut.
    Ist Hurament vielleicht eine Abwandlung von Sakrament ?

    Da fällt mir ein, ich war mal eine Weile in Ulm, da wurde umgangssprachlich sehr oft "stier" gesagt, aber es viel den von mir Befragten schwer, den Sinn zu erklären. Der schaut echt stier oder das ist total stier, waren häufige Verwendungen. Fand ich auch sehr merkwürdig.

    AntwortenLöschen