Also ganz allgemein finde ich ja, dass die Berufsausbildung in Deutschland viel zu viel Zeit benötigt, nachdem sowieso schon eine sehr lange Schulbildungsphase absolviert werden musste. Die Älteren werden sich erinnern, dass auch mal acht Jahre Hauptschule mit anschließender Lehre genügten, um ein erfülltes Leben mit eigenem Einkommen und weiteren Aufstiegsmöglichkeiten führen zu können. Es gab/gibt sogar noch Firmenchefs, die ebendiesen Weg gegangen sind.
Dieser Weg scheint mir auch ein bewährter zu sein, denn
in alten Märchen geht es z.B. auch noch so zu:
"Es war einmal vor langer Zeit, da lebte eine Frau mit ihrem Sohn in einer kleinen Hütte. Als der Sohn das fünfzehnte Jahr erreichte, sagte die Mutter: „Mein Sohn, Du bist nun in dem Alter, wo Du Dir einen Meister suchen musst, um etwas Anständiges zu erlernen. Ich gebe Dir hier ein Säckchen, in das ich alle Groschen tat, die ich entbehren konnte. Zieh in die Welt hinaus, und sieh zu, dass Du es zu etwas bringst, damit Du Dein Leben nicht in Armut fristen musst.“ Da verabschiedete sich der Junge von seiner Mutter, die ihn schweren Herzens in die weite Welt entließ. Und so schlug er den Weg in die nächste Stadt ein."
Ja nun, man könnte ja jetzt sagen, dass die damals mit 55 Lenzen wegen Entkräftung oder Krankheit meist schon früh ins Gras gebissen haben und wir es uns heutzutage leisten können, die Nur-Lernzeit entsprechend auszuweiten. Aber ... was lernen wir denn noch, nachdem wir übers fünfzehnte, sechzehnte Lebensjahr hinaus sind?
Die Grundlagen für eine Erweiterung des eigenen Wissenhorizonts sollten da doch mittlerweile gelegt sein, also ist der Rest doch Spezialisierung, oder? Lesen, schreiben, rechnen muss man können, ein grundlegendes Allgemeinwissen in Geschichte, Kunst und Naturwissenschaften sollte vermittelt worden sein, eine nützliche Fremdsprache wäre sehr schön - aber das war es doch im Großen und Ganzen schon. Damit kann man doch rein ins pralle Leben.
Nicht so hierzulande. Ohne Abi bist du erstmal nur ein halber Mensch. Das heißt, dass du dich bis zum neunzehnten Lebensjahr u.a. in Theatergruppen und Projektwochen rumdrückst, gefühlte zehn Jahre lang die Zeit von '33 - '45 reflektierst,
Wochen der gesunden Ernährung über dich ergehen lässt, und bestimmt noch die eine oder andere Öko-Indoktrinationsveranstaltung absolvieren musst. Dann erst bist du hochschulreif.
Solltest du nicht so lange in der Schule bleiben wollen, kannst du danach ja immer noch eine Berufsausbildung machen. Aber, ganz ehrlich - für diese Ausbildungsplätze bewerben sich mittlerweile auch die neunzehnjährigen Abiturienten, und denen traut der Personalchef noch eher zu dass sie auch lesen und schreiben können. Das schmälert deine Chancen schonmal ganz schön.
In der Ausbildung verbringst du nun weitere drei bis viereinhalb Jahre. Du kannst z.B.
Fachkraft für Systemgastronomie werden. Da bringt man dir in drei Jahren z.B. bei, wie du "einfache Speisen" (belegte Brötchen?), Heiß- und Aufgussgetränke zubereitest. Aber auch, wie du Marketingmaßnahmen planst, Preise kalkulierst und eine Personaleinsatzplanung hinbekommst.
Ein weites Feld, wie ich finde - aber geht das nicht auch mit "Learning by doing"?
Du kannst aber auch was Technisches machen, und z.B. Industriemechaniker werden. Da bist du nach zwei Jahren eigentlich fertig, aber dann kommt nochmal eine mindestens zweijährige Spezialisierung auf dich zu. Nach den nun geschafften vier Jahren musst du nur noch Glück haben, dass genau deine Spezialisierung auch gerade auf dem Markt gefragt ist.
Vom
Mechatroniker würde ich hingegen abraten. War mal als tolle eierlegende Wollmilchsau erdacht, scheitert aber in der Praxis. Weil, wie mir oft zugetragen wurde, diese Mechatroniker nix richtig können, sondern nur von allem ein Bisschen. Mit denen kann man wohl nicht viel anfangen. Schade.
Tja, aber wenn du dein Abi geschafft hast und es nun keine Ausbildung sein soll, oder du ganz einfach nicht weißt, wozu du überhaupt Lust und Veranlagung hast ... dann studiere!
Und da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten. Auf diesen ganzen Artikel hat mich ein gestern gehörtes Radiointerview mit einer
Diplom-Puppenspielerin gebracht. Ich dachte nur, häh? Diplom-Puppenspieler? Das ist ja wie bei unserer
bekanntesten Abbrecherin des Studiums der Theaterwissenschaften. Das sind doch Berufe, die die Welt nicht braucht, oder?
Das ist sogar noch beknackter als die zu Hunderten zur Floristin ausgebildeten dauerarbeitslosen Frauen, die nun auch dachten endlich einen bezahlten Beruf zu erlernen. Aber bei der Recherche entdeckte ich, dass es an Kunst- und Musikhochschulen noch jede Menge
anderer "musischer" Studiengänge gibt, bei denen ich nicht immer direkt einen akademischen Grad vermutet hätte.
Ich habe da auch gleich erfahren, dass z.T. keine Studiengebüren dafür verlangt würden (z.B. Berlin/Puppenspieler), oder diese mit 400 €/Semester doch noch recht übersichtlich ausfallen. Da frage ich mich dann aber doch, wofür die ganze Zeit (so um die acht Semester) und das ganze Geld (aus dem Landeshaushalt) dort investiert werden.
Um noch mehr Leute (jetzt mit Diplom ausgestattet), in den eh schon hochsubventionierten Kulturbetrieb zu schleusen, auf dass sie mit Minigehältern ihr Restleben fristen? Die große Kohle machen doch eh die Stars des Genres, und bei denen ist es doch auch egal ob sie ein Diplom haben, oder?
Wofür, um alles in der Welt, braucht man
diplomierte Volksmusiker? Warum gibt es eigentlich keine Diplom-Hütchenspieler? Wieso wiegt man erwachsene Menschen in dem Glauben, dass sie eine jahrelange Ausbildungszeit mit Abschluss brauchen um danach richtig Kaffee kochen, Blumensträuße binden, schauspielern, puppenspielen, oder (Gott bewahre) Volksmusik machen zu können?
Klar, "Kunst kommt von Können". Al Pacino und Bruce Willis hatten Schauspielunterricht, Johnny Cash als Kind Gittarren- und Gesangsstunden. Talent braucht auch Technik, keine Frage ... aber müssen staatliche Hochschulen unbedingt "Diplom-Spielleute" ausbilden? Könnten Diplom-Volksmusikerin Marianne und Diplom-Volksmusiker Michael eventuell mehr Fans begeistern, wenn sie mit einem staatlichen Abschluss für sich werben würden?
Tut mir leid, aber den Sinn dieses Zirkus vermag ich nicht zu erkennen.