Posts mit dem Label Bücher werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bücher werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 4. Juni 2011

Ein Kindlespielzeug für Calimero (Zweiter Teil)

Das war ja ein Akt! Soviel Vorfreude gehabt und soviel Ungemach in Kauf genommen (ich hatte mich von der Postfrau im Nachtschichtschlaf wecken lassen), und dann hätte ich das Teil fast wieder zurück geschickt.

Aber der Reihe nach: Kurz nach Eins wurde ich rausgeklingelt, bin zum Hoftor gespurtet und habe das Päckchen in Empfang genommen. Darin wiederum befanden sich zwei Kartons in gediegener Papp-Optik ohne bunten Hochglanz-Infokram. Gefällt mir schonmal sehr gut. Amazon Kindle ... mehr steht nicht drauf.
Zwei Päckchen waren es, weil ich mir gleich noch die Hülle mit integrierter Leselampe dazu bestellt hatte. Es soll ja auch nachts im Bett was bringen, wenn alle anderen Lebewesen im Raum schon schlafen.

Nun aber aufgerissen das Westpaket. Schlicht, schick, grau und flach isser. Hinter einer Schutzfolie liegt anscheinend noch ein Infoblatt auf dem Display, aber es ist keins ... es ist schon das Lesefeld, auf dem die letzte Ansicht quasi stromlos eingeforen stehen bleibt. Beeindruckend!
Nun muss er aufgeladen werden. Drei Stunden soll das nach Erfahrungsberichten dauern. Ich stöpsele die Mini-USB Buchse mit dem Laptop zusammen und warte.
Eine orangene LED funzelt vor sich hin und zeigt an, dass da Spannung anliegt. Auf dem Display ist nur zu lesen, dass der Akku leer ist. "Battery empty" oder so ähnlich.

Hm, mehr passiert nicht. Kein Bildschirm erwacht zum Leben, keine Fortschrittsanzeige blinkt. Kann ja auch nicht. Solange ich nichts mache, ändert sich die eInk-Anzeige ja nicht. Vielleicht haben die eine Sicherheit eingebaut, die die erste Aktion erst erlaubt, wenn die Akku-Spannung ein bestimmtes Level erreicht hat?
Nach drei Stunden reißt mich Morpheus wieder um.

Zwei Stunden später weckt mich die Gattin, aber auf meinem Kindle ist immer noch nicht mehr passiert. Die LED leuchtet stumm orange, obwohl sie langsam mal grün sein sollte. Mist, noch keine Reaktion rauszuholen.

Ich werde langsam ungeduldig und habe mich schon innerlich damit abgefunden ein Montagsgerät erstanden zu haben. Aber Frauchen gibt nicht auf. Ein Reset lässt die LED mal kurzzeitig grün werden, aber das war es auch schon wieder.
Jetzt wird gegoogelt, und siehe da - wenn der Akku komplett tiefentladen ist, kann die Ladeelektronik das Anlegen einer Spannungsquelle als Kurzschluss interpretieren und abschalten. Hilfe soll da ein mehrmaliges Ein- und Ausstöpseln bringen, um mit kurzen Stromstößen einen Anfangsladestand zu erreichen.

Plötzlich ... Heureka! Es lebt! Also jedenfalls ändert sich die Displayanzeige und informiert mich jetzt (!) darüber, dass man das Gerät erst am Computer auswerfen muss, um den Akku laden zu können. Ansonsten ist er im Datenaustauschmodus und kein Strom fließt. Na toll. Das hätte ich vor fünf Stunden wissen sollen (wobei, ohne das Spannungs-Anfangsniveau im Kindle hat der Rechner das Ding eh nicht erkannt).
Dabei ist noch zu beachten, dass kein eigenes Netzteil beiliegt, sondern man auf ein USB-Kabel angewiesen ist. Ob es mit meinem Handyladegerät klappt (auch Mini-USB) wollte ich beim ersten Mal noch nicht ausprobieren.

Okay, irgendwann wird die Lummi grün, und mein Kindle ist einsatzbereit. Jetzt wird rumprobiert. Bücher runterladen ist Sekundensache, nachdem ich ihm unseren W-LAN Schlüssel verraten habe. Mittels eines deutschsprachigen Tipps- und Einsteigerbuchs teste ich die Funktionen durch, lege mir ein paar Ordner (Collections) an und fülle diese mit einigen Werken von meinem Wunschzettel.

Ich stelle jetzt schon fest, dass es so einfach ist sich Bücher runterzuladen, dass die Gefahr bestehen könnte da schnell mal ein paar Euro zuviel per 1Click loszuwerden.
Da ist wohl Selbstdisziplinierung gefragt, wenn der "haben will"-Reflex übermächtig wird.
Bei einer normalen Buchbestellung packe ich ja immer so 3 ... 4 ... 6 Bücher in den Warenkorb, und wenn ich dann nachgucke sind es vielleicht 150 Euro. Da überlegt man dann schon, ob man nicht auf das eine oder andere verzichten kann. Bei einem Klick und sekundenschneller Lieferung fehlt diese Endsummen-Kontrollzahl.

Eins steht jedenfalls fest. Ich werde das Teil behalten und nutzen, denn es ist einfach zu praktisch. Das Wichtigste, das Lesen, ist sehr angenehm. Zuerst dachte ich, dass das Display vielleicht zu klein sein könnte, aber das ist es überhaupt nicht. Ungefähr eine Taschenbuchseite wird abgebildet, das Bild ist gestochen scharf und erweckt wirklich den Eindruck einer papiernen Seite.
Dass es sich um eine Bildschirm-Anzeige handelt, fällt erst auf, wenn sich ein Fussel absetzt. Den würde man auf einer Buch-Papierstruktur gar nicht sehen, aber hier ist er ein Fremdkörper.

Das Umblättern erfolgt schneller als beim Buch, und hat kaum eine merkbare Verzögerung. Ein bissl muss ich aufpassen, dass ich nicht dem Reflex folge schon bei den letzten zwei Zeilen umzublättern. Normalerweise folgt man ja beim Seitenumschlagen noch den letzten Worten, aber jetzt fehlt diese Zeit. Ein Fingertipp, und die nächste Seite ist da. So musste schon ein paar mal wieder auf die letzte Seite zurück.

Das Handling allgemein ist grandios. Das Gewicht von zwei Tafeln Schokolade hält man lockerer als so manches Buch. Die Seiten wollen sich nicht selbst umblättern, das Auseinanderdrücken der Buchmitte (bei sehr fest gebundenen dünnen Büchern) entfällt.
Buchseite, schwarz auf weiß - das wars. Einfach und funktional, dabei sehr angenehm zu lesen. Sonneneinstrahlung ist absolut kein Thema. Da muss man sich schon bewusst die Sonne in die Pupille spiegeln um nicht mehr lesen zu können.

Zusammen mit der Hülle entfällt auch das Halten selbst, was im Bett sehr praktisch ist. Man kann das Ding einfach im gewünschten Anstellwinkel, und gewählter Ausrichtung (Hoch- oder Querformat) irgendwo platzieren und braucht nur ab und zu einen Fingertipp zum Umblättern. In Verbindung mit der sehr gut fokussierten Leselampe der Traum meiner Kindheit. Damals war es mit der Taschenlampe unter der Bettdecke wesentlich unbequemer.
So kann ich lesen, und meine Liebste wird nicht im Schlaf gestört. Genial!

Zusammenfassend würde ich sagen, dass Amazon hier den iPod für Leser rausgebracht hat. Technisch habe ich nichts zu meckern, das Runterladen ist praktisch, und wer etwas von außerhalb des Amazon-Universums haben will, hat die Möglichkeit andere e-Books per calibre für den Kindle zu formatieren.
Schön finde ich auch, dass man eigene e-Books erstellen kann und so das Verlagsdrama für Newcomer entfallen kann.
Nach den Leseproben einiger Nachwuchsschriftsteller zu urteilen, hat auch so mancher Blogger das Zeug dazu, seine Texte als e-Book über Amazon anbieten zu können. Problemlos.

Kann er das Buch ersetzen? Lesetechnisch ja, auf jeden Fall. Aber auf den physischen Erwerb besonderer Bücher möchte ich trotzdem nicht verzichten, genausowenig wie auf CDs obwohl es MP3 gibt. Ein Buch hat einfach einen anderen haptischen und ewigen Wert, aber halt nicht alle Bücher auch einen inneren.

Ach ja, ein Problem könnte ich noch bekommen. Meist lese ich zwei bis drei Bücher parallel (1 - 2 Sachbücher/Klassiker und einen Schmöker) und wenn mir die Lust nicht nach dem einen ist, greife ich halt zum anderen. Wenn jetzt der Schmöker, als einfachste Lektüre, aber auch gerade einen Hänger in der Handlung hat? Dann ziehe ich normalerweise trotzdem durch. Ich renne doch nicht extra zum Bücherschrank und hole mir ein viertes Buch! Mit dem Kindle habe ich aber alles schon in Greifweite, da wird es wieder Disziplin erfordern um nicht irgendwann mal 20 halbgelesene Bücher gleichzeitig in der Mache zu haben.

Also, insgesamt hat sich die Anschaffung gelohnt. Calimeros Priscilla liegt draußen in der Sonne und liest gerade das von mir runtergeladene Katzenbuch. Ich werde mir heute abend wieder mit dem Kindle die letzte Stunde vor dem Einschlafen versüßen. Und wenn ich nicht gerade komplett taschenlos in der Welt unterwegs bin, werde ich den Kindle wohl als ständigen Begleiter immer mit dabei haben.

Um meine Eingangsfragen aus dem ersten Teil zu beantworten: Brauche ich sowas? Jetzt, und gerade dieses Teil?

Yes baby! :-)

P.S. @Thomas: Badewanne geht sicherlich auch, aber ich würde ihn sicherheitshalber in eine Klarsicht-Plastiktüte packen. So billig isser ja nun nicht.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Ein Kindlespielzeug für Calimero (Erster Teil)

Die Vorgeschichte:

Seit meinem ersten Walkman habe ich mir nie wieder irgendein Gadget mit Erkennungsnamen gekauft. Der iPod ist an mir vorbeigegangen (sogar mein Vater hat einen!) und ein iPhone habe ich auch nicht. Obwohl ich das iPad sehr schick finde, und es geschenkt bestimmt nicht ablehnen würde sehe ich momentan keine rechte Verwendung dafür, da ich eh schon drei Rechner hier rumstehen und -liegen habe.
Ich wäge halt immer erst ab ob ich etwas wirklich brauchen könnte (oder Frauchen tut das für mich ;-) ), ob es gerade jetzt, und ob es genau dieses Teil sein muss. Vielleicht kommt ja später etwas viel besseres von einer anderen Firma?

Nunja, jetzt habe ich mich aber entschlossen mir einen Kindle zuzulegen.

Brauche ich sowas? Keine Ahnung, aber die Aussicht auf eine Bibliothek in der Jackentasche hat was. Überhaupt ist mir die Möglichkeit überall Lesestoff bei der Hand zu haben um Längen wichtiger, als z.B. Musik im Ohr.
Und was man da an Bücherplatz sparen könnte! Die Dinger schmeißt man ja nie weg, also wächst die Bibliothek über die Jahre um Kubikmeter Papier an. Ja, ich denke, ich brauche sowas.

Brauche ich es jetzt? Wieder, keine Ahnung. Aber ich denke, dass die Zeit dafür reif ist. Lange genug haben ja etliche Firmen daran rumgewerkelt, das Interesse war immer da, aber irgendwie waren die Ergebnisse wohl nie so recht überzeugend. Ich hatte mal so einen Oyo in der Hand, und das hat mich nicht grad vom Stuhl gehauen, aber Amazon haut den Kindle jetzt in seine dritten Generation mit voller Marktmacht in den deutschen Verkauf. Die werden schon wissen wann es dafür an der Zeit ist. Immerhin werben sie damit, dass der Kindle das beliebteste und am besten bewertetste Produkt bei Amazon.com ist. Schauen wir mal.
Die Kundenrezensionen sind jedenfalls vielversprechend.

Überhaupt ist es schon ein Unding, dass es anscheinend so schwer ist einen vernünftigen ebook-Reader zusammenzudengeln. Ich habe schon FullHD-Flatscreens mit 106cm Bilddiagonale für 500 Ocken gesehen, Klicki-Buntis und Elektronikspielzeuge für alles gibts es en masse. Kein Wunsch bleibt unerfüllt, aber an einem adäquaten Buchersatz in schwarz-weiß Optik scheiterten die Elektrofrickler regelmäßig. Die MÜSSEN das jetzt einfach hingekriegt haben, es kann nicht anders sein.
Bald geht es außerdem in den Urlaub, und ich will nicht wieder 5 kg Bücher mitschleppen und dann auf genau diese angewiesen sein! Ja, ich denke es ist jetzt an der Zeit.


Der Tag vor der Auslieferung:

Vorgestern hatte ich bestellt, morgen soll geliefert werden. Ich habe in der Zeit viele Rezensionen gelesen und mich so ein bissl auf das eingestellt, was da morgen auf mich zukommen wird. Bin schon etwas hibbelig, und freue mich schon sehr auf das Gerät. So eine Vorfreude habe ich bei einem Konsumprodukt schon lange nicht mehr verspürt. Hoffendlich werde ich nicht enttäuscht.
Jetzt brauche ich aber content, denn irgendwas will ich ja schließlich zum "anlesen" haben wenn das Ding ausgepackt ist.

Erstmal ein Einsteiger-Tipps-und-Tricks-Buch, klar. Gibts für schmales Geld, also rauf auf den Wunschzettel. Wenn der Kindle dann da ist, dauert der Download ja angeblich nur Sekunden.
So, nun Klassiker. Da gibt es Hunderte für nullkommanull Euronen. Ein Traum!
Erstmal haben, löschen kann ich ja schnell wieder wenns absolut nicht gefällt. Dante Alighieri? Hat mich schon immer mal interessiert. Auf den Wunschzettel.
Mist, Oswald Spengler habe ich gerade erst in Schwartenform gekauft, aber Kafka, die Edda, Tacitus' Germania, T.E. Lawrence etc ... alles auf den Zettel. Karl May habe ich das letzte mal in Fraktur gelesen, jetzt kann ich mir die gesammelten Werke für lau ziehen. Ist schon fein. :-D
Ein Haufen Marx und Engels haben sie, Freud, Hegel, Rousseau ... nee, das Kommunistische Manifest brauche ich auch echt nicht. Liegt hier noch als Heftchen irgendwo rum. Es reicht jetzt aber auch langsam mit den kostenlosen eBooks.

Weitergucken. Sachbücher. Hm, was ich will gibts nicht, aber dafür jede Menge Mainstream-Ratgeberkram. Meine gesuchten Autoren haben zwar jede Menge Hits, aber leider (noch?) alles auf Englisch.
Also Belletristik. Wieder Autorensuche. Was fällt mir spontan ein? Philip Kerr, Tad Williams, Tom Clancy, Sergej Lukianenko ... gibts nicht auf deutsch oder habe ich schon. Eschbach? Ja! Da gibts was Neues, allerdings teurer als die Taschenbuchausgabe. Was soll'n der Scheiß? Markus Heitz ist dagegen 'ne sichere Schmökerbank und enttäuscht auch nicht. Der wird nochmal Konsalik und Hohlbein übertreffen bei seinem Output. Ich nehme einen ersten Teil.

Okay, also mit den Autoren komme ich nicht recht weiter, versuchen wir es mal mit der Belletristik-Liste.

Also ich weiß nicht, welches System Amazon dabei hat, aber alphabetisch ist es definitiv nicht. Nach Bestseller-Ranking geht es aber auch nicht - losen die da die Plätze aus? Es erinnert mich ein wenig an einen Flohmarkt, in dem man ungeordnete Bücherkisten durchsucht.

Stelle fest, dass es eine ungeahnte Zahl an deutsche Kopulationsliteratur gibt. Swinger- und Hurengeschichten, SM, oral, anal, vertikal, "Bück dich Chefin!" usw ... auweia. Dieser Trend ist irgendwie voll an mir vorbeigegangen bisher.
Liebesschmonzetten, Bestseller, Dramen, Historienschmöker, Krimis ... ich habe keinen Plan und vermisse einen Berater der meinen Geschmack kennt. Memo an mich: Buchladen-Jutta mal wieder besuchen.

Na ja, ein paar Sachen finde ich dann doch. Rainer Innreiter, der ab und zu bei Zettel kommentiert, verdient auf jeden Fall eine Chance, eine Kurzgeschichtensammlung aus Sicht einer Hauskatze kommt auch auf die Wunschliste (für meine Liebste, die noch gar nichts von meiner Neuerwerbung weiß ;-) ), und dies und das auch noch. Aber nach stundenlangem Gesuche bin ich völlig fertig. Was für ein Haufen Zeugs wurde da schon ohne mein Wissen veröffentlicht. Unglaublich! Hoffe, dass bald alle Verlage mit dem vollen Programm auf den Zug aufspringen werden.

Es reicht jedenfalls. Der Kindle kann kommen. Morgen.

Sonntag, 9. Januar 2011

Atlas Shrugged

Es soll mir hier um ein besonderes Buch gehen. Es handelt sich dabei nicht um einen Schmöker und auch nicht im eigentlichen Sinne um ein Sachbuch. Nein, es ist nicht "mein Lieblingsbuch" (sowas gibt es sowieso nicht) und auch keines das ich zu Geburtstagen verschenken würde. Wer es durch Zufall in die Hand bekommt, wird es wahrscheinlich recht schnell wieder weglegen, wenn er gewohnheitsmäßig eher auf die Spiegel-Bestseller abbonniert ist. Aber auch wer es für sich selbst kauft (und dies wird er kaum zufällig tun) kann damit vor einem Problem stehen, denn ich kann mir gut vorstellen, dass auch der bewusste Käufer manchmal vor dieser 1256 seitigen Schwarte einknickt.

Bevor ich mich nun nachfolgend mit dem Buch, der Autorin und den Umständen meiner Begegnung mit ihrem Werk beschäftige, möchte ich noch eins voranstellen:
Ich kann eigentlich keine Bücher lesen. Jedenfalls nicht so, wie ich es gern können möchte. Natürlich ist mir das links-nach-rechts und oben-nach-unten-Schema mit nachfolgendem Umblättern geläufig, aber darum geht es nicht. Es ist mir einfach unbegreiflich, wie manche Leute es schaffen Bücher so zu lesen, dass sie nach der Lektüre eine Rezension dazu veröffentlichen können. Noch irrer finde ich die Zeitgenossen, die mal ganz beiläufig in einer Diskussion ein passendes Zitat aus einem ihrer Bibliotheksschätze einstreuen können. Wie, zum Geier macht ihr das???

Bei mir wäre eine Rezension entweder ein allgemeiner Sechszeiler, oder selbst ein halber Roman. Und Zitate? Manchmal weiß ich ja noch, dass ich "da mal was gelesen habe", oder sogar, dass ich bei einem bestimmten Autor irgendwas passendes finden könnte (wenn ich nur Buch und Seitenzahl parat hätte) ... aber aus dem Stehgreif? No way!
Nun ja, meine Buchbesprechung hier wird wohl mit meinen Mankos leben müssen.

Zum Buch selbst: "Atlas Shrugged" ist 1957 veröffentlich worden und zählt (zumindest in den USA) zu den einflussreichsten politischen Büchern des zwanzigsten Jahrhunderts. Man sollte also eigentlich davon gehört haben, vor allem, weil davor lediglich die Bibel und Mark Twains "Huck Finn" gelistet sind. Hat man aber nicht. Ich jedenfalls nicht, bevor ich in der liberalen Blogosphäre dauernd darüber stolperte. Naja, bei diesem beknackten deutschen Titel auch irgendwie nicht verwunderlich, kamen die Verlags-Gewaltigen doch auf den merkwürdigen Titel: "Wer ist John Galt?".
Ja, wer ist das nun? Muss mich das interessieren? Nie gehört, den Namen, bis ich ... wie oben beschrieben.

Wer ist nun John Galt? Er ist ein Geschöpf (garnicht mal das tragende des Romans) der deutsch-russisch-amerikanischen Ayn Rand, deren Kurzvita ich einfach mal der Wikipedia entnehme:
Ayn Rands Eltern waren deutschstämmige Juden. Mit neun Jahren beschloss sie, Schriftstellerin zu werden. Im Jahr 1917 erlebte sie sowohl die Februarrevolution als auch die Oktoberrevolution mit. Die Besitztümer ihrer Familie wurden enteignet (ihr Vater war Apotheker), als Konsequenz verarmte die Familie, die bald darauf in die Ukraine zog und kurze Zeit später auf die Krim, wo die Sechzehnjährige 1921 ihren Schulabschluss machte. Im selben Jahr ging die Familie zurück nach Petrograd, und Rand schrieb sich in die Staatliche Universität ein, wo sie Philosophie und Geschichte studierte. 1924 ging sie nach erfolgreichem Abschluss des Studiums an das Staatliche Institut der Filmkünste, um das Drehbuchschreiben zu erlernen. Gegen Ende 1925 erhielt sie die Erlaubnis, für einen befristeten Besuch ihrer Verwandten in den USA aus der Sowjetunion auszureisen. Am 17. Januar 1926 verließ sie Leningrad und blieb fortan in den USA.
Okay, damit haben wir eine Autorin. Sie war wohl privat nicht unbedingt der Typ "beste Freundin" und als Schriftstellerin  hätte sie wohl auch keine Nobelpreise eingeheimst. "Atlas Shrugged" war ein belletristisches Vehikel um ihre Philosophie zu transportieren und verständlich zu machen. Es war nicht ihr erstes Buch (nach manchen Kommentaren wohl auch nicht ihr bestes), aber es war ihr (das) Opus magnum.
Wer mag, kann sich unheimlich viel zu ihr als Person und zu ihrer Philosophie, dem Objektivismus, zusammengoogeln, aber es geht auch ohne diese Vorab-Infos.

Worum geht es nun eigentlich?

Aus meiner Sicht ganz kurz: In einem fiktiven Amerika am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts steht eine junge Frau mit an der Spitze eines, heute würde man sagen, bedeutenden Logistik-Konzerns. Sie ist eine Erbin des florierenden Eisenbahn-Nachlasses ihres Ahnen, der noch selbst mit Hacke und persönlichem Einsatz die Grundlagen für die jetzt "systemwichtige" Firma erschaffen hat.
Sie, Dagny Taggart, hat es aber mit einem weichlichen und benutzbaren Arschloch von Bruder als "Chef" zu tun, dem "das Ansehen" und irgendwelche "politischen Unausweichlichkeiten" wichtiger sind als das Wohl der Firma. Dazu kommen noch "seine Freunde", eine widerliche Egeltruppe, welche irgendwie versucht, mit "soziale Gerechtigkeit"-Gelaber und Planwirtschaftsexperimenten den eigenen Arsch an die Wand zu bekommen, indem sie auf jeden bürokratischen Hirnfurz mit Appeasement reagiert, oder die absolute Machtübernahme der Bürokraten sogar aktiv fördert.
Nunja, der ganze Laden implodiert jedenfalls so langsam wegen der Inkompetenz ihres Bruders und seiner politischen Freunde. Nicht nur ihrer allein, sondern leider auch gleich die Wirtschaft des ganzen Landes. Dagny kämpft dagegen an und sie leidet unter der grassierenden Unvernunft.

Der eine oder andere "Magnat" allerdings verschwindet nun aber plötzlich in dieser Situation ganz einfach. Es macht ganz einfach keinen Sinn mehr selbst ein wirtschaftliches Risiko zu übernehmen, wenn einem der mögliche Gewinn daraus eh umverteilt würde (bzw die Konkurrenz Ausgleichszahlungen bekäme), während eigene Verluste seitens der Staatsbürokratie nur zu Hohn und Spott führen würden ("Er hat es ja verdient, dieser unsoziale Kapitalist!").
Es ist dabei egal, ob nur der jeweilige Kopf sich der Repression durch die angeblich soziale Bürokratie entzieht, oder ob er zuvor noch sein Lebenswerk zerstört, um es "den Plünderern" nicht zu hinterlassen. Weg ist weg, und die bürokratischen Bessermenschen haben weder Ahnung, noch Plan um den Kram wieder zum Laufen zu bringen. Ayn Rand versteht es dabei sehr schön zu illustrieren, wie ein einzelner politischer Eingriff immer weitere, und immer größere Eingriffe nach sich zieht, was aber alles nur noch komplexer und unentwirrbarer macht.

Alles bricht also nach und nach zusammen und lediglich Dagny und ein unverbesserlich optimistischer (oder besser: einfach ehrenhafter) Stahlmagnat (Hank Rearden) bleiben als Wirtschaftselite im Lande. Alle anderen Industriellen verschwinden peu a peu spurlos.
Zurück bleibt eine Bürokratenelite, die den Laden nicht (wie sie eigentlich wollte) unter Kontrolle hat, sondern darauf angewiesen ist, dass wenigstens die letzten echten Wirtschaftsführer auch weiterhin die Verantwortung übernehmen. Denn selbst etwas schaffen können sie nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass jemand Werte schafft, die sie dann anschließend nutzen können.

Gekittet ist der Roman mit ein wenig Liebeskuddelmuddel und einer Erlöser-Storyline, aber wichtig sind vor allem die Machtpositionen und Intentionen der Protagonisten. Dort vor allem, wenn gezeigt wird wie sich "gut gemeinte" politische Entscheidungen in der Realität auswirken. Aber auch das ist nur ein wenig drumherum, denn die entscheidenden Stellen sind die oft seitenlangen Monologe der Verfechter der Freiheit und der Vernunft, aus denen man problemlos ganze Zitatesammlungen destillieren könnte. Hier läuft Ayn Rand wirklich zu Höchstform auf.

Das soll es auch schon zum Inhalt des Buchs gewesen sein, denn entscheidend für dessen prominente Stellung in meinem persönlichen Literaturkanon ist der Aha-Effekt, welcher sich beim Lesen einstellte.

Es sind Rands Helden, die so komplett aus dem üblichen Raster fallen, welches ich bisher gewohnt war.
Nun sind Helden ja äußerst selten der Kategorie "Gutmensch" zuzuordnen, denn dann wären sie ganz einfach sterbenslangweilig. Gute Menschen sind sie ja irgendwie immer, aber Gutmenschen?
Nein, die Heroen in Literatur und Film sind alle auf die eine oder andere Weise besondere Randexistenzen. Sie ballern rum, sie saufen, haben wechselnde Sexualpartner, setzen sich über Regeln hinweg, oder tun irgendetwas, was sie innerhalb ihrer Gruppe einzigartig macht.
Normalsterbliche, die zu Helden werden wollen, müssen sich dabei irgendwie gegen das Establishment stellen (Robin Hood), während Vertreter des Establishments sich als Helden gegen die Regeln der eigenen Zunft stellen müssen (der Prinz heiratet das Aschenputtel).

Rands Helden sind anders. Sie stellen selbst das (eigentliche) Establishment dar und wollen das auch weiterhin tun, denn sie sind sich bewusst, dass sie ein Recht auf Führerschaft haben. Wenn man ihnen dieses Recht streitig macht greifen sie nicht zu miesen Tricks oder nutzen ganz fies ihre Macht aus ... nein, als letzte Möglichkeit ziehen diese lauteren Charaktere einfach sich selbst als Person zurück. Sie verschwinden einfach und schaden dem System durch ihre bloße Abwesenheit. Und das ist neu. Helden sagen halt normalerweise nicht einfach "Macht euren Scheiß doch alleine!".

Normalerweise würden Rands Protagonisten als böse Herrschaft gezeichnet werden, als Besitzer oder Unterdrücker. Hier nicht.
"Atlas shrugged" heißt ja sinngemäß, dass Atlas (der griechische Weltkugelstemmer) einfach mal mit den Schultern zuckt und die Welt abwirft. Rumms! Die Elite sagt einfach mal "Feierabend!" und überlässt den Bürokraten und Gerechtigkeitsklempnern die Welt, die sie ja immer so gern "gestalten" wollten. Und siehe da, die Kugel trudelt in immer schnelleren Spiralen gen Orkus.

Rand zeigt das in absolut nachvollziehbaren Ursache-Wirkung Szenarien. Wenn irgendwo ein Rädchen im großen Getriebe gebremst wird, oder gezwungen wird eine andere Drehrichtung anzunehmen, dann gerät das ganze Gefüge aus dem Takt. Ein Schmetterlings-Flügelschlag löst dann einen Orkan aus.
Reduziert auf einen Satz lautet die Aussage vielleicht: "Nimm dem Individuum nicht die Freiheit, denn dann geht es auch der Allgemeinheit dreckig.", oder anders ausgedrückt: "Der freie Markt erst garantiert größtmögliche Gerechtigkeit und Wohlstand."

Erschreckend ist die andauernde Aktualität des Werkes. Auch (oder gerade) heute sehe ich eine beunruhigende Tendenz der Politik, den Markt als etwas kontinuierlich funktionierendes anzunehmen, was man nach Belieben belasten kann. Das Motto lautet "Geld ist immer da", oder "Produkte werden immer in den Handel kommen". Da wird leichtfertig rumreguliert und "gesteuert" um sich beim Wähler 'lieb Kind' zu machen, ohne zu wissen was ein Schmetterlings-Flügelschlag auslösen kann.
Auch in der Wirtschaft ist diese Tendenz leider erkennbar, jedenfalls dort wo knorzige Unternehmerpersönlichkeiten durch kieselglatte Management-Boards ersetzt wurden.

"Atlas shrugged" ist Fiktion und ich hoffe, dass der gesunde Menschenverstand dieses Szenario verhindern wird ... aber sicher bin ich mir da nicht. Vor allem die EU mit ihrer demokratisch unlegitimierten Kommission und ihrem zahnlosen Parlament lässt mich in letzter Zeit häufig an eine drohende Herrschaft der Bürokraten denken.
Und leider, leider sehe ich nirgendwo eine Dagny Taggart, einen Hank Rearden oder sogar einen Ragnar Danneskjöld (der einzige von Rands Helden, der, als Freibeuter, auch Gewalt anwendet), die den versammelten Sesselwarmhaltern mal zeigen könnten was Atlas mit einem Schulterzucken so anrichten könnte.

Die Frage ist heute nicht mehr "Wer", sondern "Wo ist John Galt?" (*)

*) Um die randsche Figur John Galt kennenzulernen empfehle ich einfach, das Buch zu lesen. ;-)