Samstag, 4. Juni 2011

Ein Kindlespielzeug für Calimero (Zweiter Teil)

Das war ja ein Akt! Soviel Vorfreude gehabt und soviel Ungemach in Kauf genommen (ich hatte mich von der Postfrau im Nachtschichtschlaf wecken lassen), und dann hätte ich das Teil fast wieder zurück geschickt.

Aber der Reihe nach: Kurz nach Eins wurde ich rausgeklingelt, bin zum Hoftor gespurtet und habe das Päckchen in Empfang genommen. Darin wiederum befanden sich zwei Kartons in gediegener Papp-Optik ohne bunten Hochglanz-Infokram. Gefällt mir schonmal sehr gut. Amazon Kindle ... mehr steht nicht drauf.
Zwei Päckchen waren es, weil ich mir gleich noch die Hülle mit integrierter Leselampe dazu bestellt hatte. Es soll ja auch nachts im Bett was bringen, wenn alle anderen Lebewesen im Raum schon schlafen.

Nun aber aufgerissen das Westpaket. Schlicht, schick, grau und flach isser. Hinter einer Schutzfolie liegt anscheinend noch ein Infoblatt auf dem Display, aber es ist keins ... es ist schon das Lesefeld, auf dem die letzte Ansicht quasi stromlos eingeforen stehen bleibt. Beeindruckend!
Nun muss er aufgeladen werden. Drei Stunden soll das nach Erfahrungsberichten dauern. Ich stöpsele die Mini-USB Buchse mit dem Laptop zusammen und warte.
Eine orangene LED funzelt vor sich hin und zeigt an, dass da Spannung anliegt. Auf dem Display ist nur zu lesen, dass der Akku leer ist. "Battery empty" oder so ähnlich.

Hm, mehr passiert nicht. Kein Bildschirm erwacht zum Leben, keine Fortschrittsanzeige blinkt. Kann ja auch nicht. Solange ich nichts mache, ändert sich die eInk-Anzeige ja nicht. Vielleicht haben die eine Sicherheit eingebaut, die die erste Aktion erst erlaubt, wenn die Akku-Spannung ein bestimmtes Level erreicht hat?
Nach drei Stunden reißt mich Morpheus wieder um.

Zwei Stunden später weckt mich die Gattin, aber auf meinem Kindle ist immer noch nicht mehr passiert. Die LED leuchtet stumm orange, obwohl sie langsam mal grün sein sollte. Mist, noch keine Reaktion rauszuholen.

Ich werde langsam ungeduldig und habe mich schon innerlich damit abgefunden ein Montagsgerät erstanden zu haben. Aber Frauchen gibt nicht auf. Ein Reset lässt die LED mal kurzzeitig grün werden, aber das war es auch schon wieder.
Jetzt wird gegoogelt, und siehe da - wenn der Akku komplett tiefentladen ist, kann die Ladeelektronik das Anlegen einer Spannungsquelle als Kurzschluss interpretieren und abschalten. Hilfe soll da ein mehrmaliges Ein- und Ausstöpseln bringen, um mit kurzen Stromstößen einen Anfangsladestand zu erreichen.

Plötzlich ... Heureka! Es lebt! Also jedenfalls ändert sich die Displayanzeige und informiert mich jetzt (!) darüber, dass man das Gerät erst am Computer auswerfen muss, um den Akku laden zu können. Ansonsten ist er im Datenaustauschmodus und kein Strom fließt. Na toll. Das hätte ich vor fünf Stunden wissen sollen (wobei, ohne das Spannungs-Anfangsniveau im Kindle hat der Rechner das Ding eh nicht erkannt).
Dabei ist noch zu beachten, dass kein eigenes Netzteil beiliegt, sondern man auf ein USB-Kabel angewiesen ist. Ob es mit meinem Handyladegerät klappt (auch Mini-USB) wollte ich beim ersten Mal noch nicht ausprobieren.

Okay, irgendwann wird die Lummi grün, und mein Kindle ist einsatzbereit. Jetzt wird rumprobiert. Bücher runterladen ist Sekundensache, nachdem ich ihm unseren W-LAN Schlüssel verraten habe. Mittels eines deutschsprachigen Tipps- und Einsteigerbuchs teste ich die Funktionen durch, lege mir ein paar Ordner (Collections) an und fülle diese mit einigen Werken von meinem Wunschzettel.

Ich stelle jetzt schon fest, dass es so einfach ist sich Bücher runterzuladen, dass die Gefahr bestehen könnte da schnell mal ein paar Euro zuviel per 1Click loszuwerden.
Da ist wohl Selbstdisziplinierung gefragt, wenn der "haben will"-Reflex übermächtig wird.
Bei einer normalen Buchbestellung packe ich ja immer so 3 ... 4 ... 6 Bücher in den Warenkorb, und wenn ich dann nachgucke sind es vielleicht 150 Euro. Da überlegt man dann schon, ob man nicht auf das eine oder andere verzichten kann. Bei einem Klick und sekundenschneller Lieferung fehlt diese Endsummen-Kontrollzahl.

Eins steht jedenfalls fest. Ich werde das Teil behalten und nutzen, denn es ist einfach zu praktisch. Das Wichtigste, das Lesen, ist sehr angenehm. Zuerst dachte ich, dass das Display vielleicht zu klein sein könnte, aber das ist es überhaupt nicht. Ungefähr eine Taschenbuchseite wird abgebildet, das Bild ist gestochen scharf und erweckt wirklich den Eindruck einer papiernen Seite.
Dass es sich um eine Bildschirm-Anzeige handelt, fällt erst auf, wenn sich ein Fussel absetzt. Den würde man auf einer Buch-Papierstruktur gar nicht sehen, aber hier ist er ein Fremdkörper.

Das Umblättern erfolgt schneller als beim Buch, und hat kaum eine merkbare Verzögerung. Ein bissl muss ich aufpassen, dass ich nicht dem Reflex folge schon bei den letzten zwei Zeilen umzublättern. Normalerweise folgt man ja beim Seitenumschlagen noch den letzten Worten, aber jetzt fehlt diese Zeit. Ein Fingertipp, und die nächste Seite ist da. So musste schon ein paar mal wieder auf die letzte Seite zurück.

Das Handling allgemein ist grandios. Das Gewicht von zwei Tafeln Schokolade hält man lockerer als so manches Buch. Die Seiten wollen sich nicht selbst umblättern, das Auseinanderdrücken der Buchmitte (bei sehr fest gebundenen dünnen Büchern) entfällt.
Buchseite, schwarz auf weiß - das wars. Einfach und funktional, dabei sehr angenehm zu lesen. Sonneneinstrahlung ist absolut kein Thema. Da muss man sich schon bewusst die Sonne in die Pupille spiegeln um nicht mehr lesen zu können.

Zusammen mit der Hülle entfällt auch das Halten selbst, was im Bett sehr praktisch ist. Man kann das Ding einfach im gewünschten Anstellwinkel, und gewählter Ausrichtung (Hoch- oder Querformat) irgendwo platzieren und braucht nur ab und zu einen Fingertipp zum Umblättern. In Verbindung mit der sehr gut fokussierten Leselampe der Traum meiner Kindheit. Damals war es mit der Taschenlampe unter der Bettdecke wesentlich unbequemer.
So kann ich lesen, und meine Liebste wird nicht im Schlaf gestört. Genial!

Zusammenfassend würde ich sagen, dass Amazon hier den iPod für Leser rausgebracht hat. Technisch habe ich nichts zu meckern, das Runterladen ist praktisch, und wer etwas von außerhalb des Amazon-Universums haben will, hat die Möglichkeit andere e-Books per calibre für den Kindle zu formatieren.
Schön finde ich auch, dass man eigene e-Books erstellen kann und so das Verlagsdrama für Newcomer entfallen kann.
Nach den Leseproben einiger Nachwuchsschriftsteller zu urteilen, hat auch so mancher Blogger das Zeug dazu, seine Texte als e-Book über Amazon anbieten zu können. Problemlos.

Kann er das Buch ersetzen? Lesetechnisch ja, auf jeden Fall. Aber auf den physischen Erwerb besonderer Bücher möchte ich trotzdem nicht verzichten, genausowenig wie auf CDs obwohl es MP3 gibt. Ein Buch hat einfach einen anderen haptischen und ewigen Wert, aber halt nicht alle Bücher auch einen inneren.

Ach ja, ein Problem könnte ich noch bekommen. Meist lese ich zwei bis drei Bücher parallel (1 - 2 Sachbücher/Klassiker und einen Schmöker) und wenn mir die Lust nicht nach dem einen ist, greife ich halt zum anderen. Wenn jetzt der Schmöker, als einfachste Lektüre, aber auch gerade einen Hänger in der Handlung hat? Dann ziehe ich normalerweise trotzdem durch. Ich renne doch nicht extra zum Bücherschrank und hole mir ein viertes Buch! Mit dem Kindle habe ich aber alles schon in Greifweite, da wird es wieder Disziplin erfordern um nicht irgendwann mal 20 halbgelesene Bücher gleichzeitig in der Mache zu haben.

Also, insgesamt hat sich die Anschaffung gelohnt. Calimeros Priscilla liegt draußen in der Sonne und liest gerade das von mir runtergeladene Katzenbuch. Ich werde mir heute abend wieder mit dem Kindle die letzte Stunde vor dem Einschlafen versüßen. Und wenn ich nicht gerade komplett taschenlos in der Welt unterwegs bin, werde ich den Kindle wohl als ständigen Begleiter immer mit dabei haben.

Um meine Eingangsfragen aus dem ersten Teil zu beantworten: Brauche ich sowas? Jetzt, und gerade dieses Teil?

Yes baby! :-)

P.S. @Thomas: Badewanne geht sicherlich auch, aber ich würde ihn sicherheitshalber in eine Klarsicht-Plastiktüte packen. So billig isser ja nun nicht.

Kommentare:

  1. Gratuliere! Nach dem, was Du über die Bildqualität schreibst, merke ich, wie mein Widerstand dahinschmilzt... Aber soll ich mir etwa viele Bücher noch einmal zulegen? Die, die man in seiner Wanderbibliothek gerne haben würde? Selbst wenn man sie nur kaufte, weil man sie jetzt lesen möchte, würde mich der Gedanke stören, daß dieses Buch zu Hause im Regal steht.

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  2. Hallo Thomas,

    ich weiß nicht, wieviele deiner eh schon vorhandenen Bücher du unbedingt nochmal lesen möchtest. Da ist die Versorgungslage bei Amazon auch noch recht dünn, du wirst wahrscheinlich bei weitem nicht alle als e-Book finden.

    Es ist eher eine Investition in die Zukunft, denn ich nehme an, dass Neuerscheinungen dann gleich auch als e-Book rausgebracht werden.

    Die weitaus meisten Schmöker die hier bei mir rumstehen habe ich genau ein mal gelesen. Viele Taschenbücher sind dabei auch nicht unbedingt so wertvoll, das ich sie hier archivieren müsste. Als e-Book könnte man die aber prima lesen und dann vergessen.
    Herausragende Bücher, oder Schriftsteller, die ich quasi als Serie kaufe, würde ich allerdings auch weiterhin in Papierform erwerben (evtl. zusätzlich?) um sie ins Regal zu stellen.

    Zur Zeit lese ich z.B. Tom Clancys "Dead or Alive" als Hardcover und ärgere mich, dass ich es nicht für den Kindle habe. Dort lese ich quasi parallel (nachts) "In der Fremdenlegion" von Erwin Rosen (0,00 Euro, erschienen 1909). Das hätte ich mir sonst wohl nie gekauft, finde es aber sehr interessant.

    In Zukunft werde ich wohl abwägen in welcher Form ich was Neues kaufe, aber der Kindle wird mit Sicherheit die erste Wahl sein. Der praktische Nutzwert ist einfach ungleich höher. Als papierne Regalzierde und Nachschlagewerk kommen dann bestimmt nur noch wenige Bücher in Betracht.

    Was hier aber eh schon als Liebling rumsteht wird wohl kaum noch extra für den Kindle gekauft, es sei denn, ich bekomme es irgendwo kostenlos. Dann ja, auf jeden Fall.

    Beste Grüße, Calimero

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  3. '"In der Fremdenlegion" von Erwin Rosen (0,00 Euro, erschienen 1909)'

    Daran hatte ich nicht gedacht - es gibt natürlich auch einen Haufen Bücher für lau! Es ist natürlich klar, daß ich einen "Primitive War" von H.H.Turney-High (1949), für den ich einmal antiquarisch eine Haufen $$ hingelegt habe, nicht für den Kindle kriegen werde; der wird immer nur im Regal stehen. Aber es gibt Bücher, die ich immer mal wieder lese. Auf mich hat z.B. "Tom Sawyer" eine wirklich heilsame Wirkung an lausigen Tagen, andere Bücher liefern sofortiges Ausblenden des Alltags u.s.w.

    Na, ich werde mir das Angebot für den Kindle mal zu Gemüte führen...

    Was sagt denn die Liebste dazu, daß Du jetzt immer mit so einem Brettchen herumläufst?

    Herzlich, Thomas

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  4. Wenn ich E-Büchern nicht so misstrauen würde...., wer sagt zB., das gerade bei politischen und gerade bei gesellschaftspolitischen Altmeistern nicht politisch korrekt "Editiert" wird und Inhalte verfälscht oder "zeitgemäss" gekürzt oder geändert werden (wie z.B. gerade bei Märchen oder der Bibel geschehen)?

    Orwell lässt grüßen, und was ich als Papier da habe, lässt sich nicht Wahrheitsministeriell anpassen und verbiegen...

    Also ich würde es nur so als Schmökerlesegerät für den Einschlaf-sci-fi o.ä. nutzen...., ich vertraue Amazon nicht, und den Herausgebern von E-Büchern erstrecht nicht. Leider. Aber dafür isses mir noch bissi zu teuer... :)))

    Beste Grüße,
    (noch ein) Thomas

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  5. Lieber Thomas Orwell Huxley,

    einen wahrheitsministeriellen Eingriff erwarte ich da eher nicht, allerdings ist die Gefahr einer "Freiwilligen Selbstbeschränkung" durchaus real (siehe Astrid Lindgren etc).

    Bisher passierte das aber in gedruckten Büchern! Dieser Erwin Rosen, den ich erwähnte, schreibt in e-Book Form aber politisch trotzdem völlig inkorrekt aus der Sicht vom Anfang des 20.Jhd. (Neger etc).

    Außerdem sucht sich die Wahrheit, bzw. die unverfälschte Schrift, immer einen Weg, und das ist bei e-Books wesentlich einfacher.
    "Psst, ich hab da was ... ein Original ... von Pippi Langstrumpf! Die unzensierte Fassung!"

    Kann man schnell selbst erstellen und verbreiten. Im Gegensatz zum gedruckten Buch.

    Beste Grüße, Calimero

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  6. Schon mal vorsichtig am Gehäuse gekratzt ...?

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  7. Danke für den Tip mit dem Buch von Rosen! Als alter Korinthenkacker komme ich nicht umhin, seiner Schilderung der Ehrenhalle der Legion zu widersprechen: die Hand ist nicht die abgeschlagene Hand des Hauptmanns Danjou, sondern dessen hölzerne Prothese, die er sich machen ließ, nachdem er 1853 die Hand verlor - 10 Jahre von Camaron. Besagte Hand ist noch immer eine zentrale Reliquie der Legion. Ein Bild findet sich im Eintrag zu Jean Danjou auf wikipedia.fr.

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  8. Verdammt! So weit bin ich noch gar nicht, und schon rauben sie mir die Illusionen.
    Macht aber nix, ich finde die Beschreibung des Leschionärslebens trotzdem sehr interessant.

    Ich musste heute etwas glucksen als ich las, wie er sich darüber aufregt, dass die Legionäre den ganzen Tag rackern müssen, quasi alles dort aufgebaut haben und pflegen ... und trotzdem verachtet werden.
    "Aber den faulenzenden Arabern trägt man sogar noch Transferleistungen hinterher" (weiß grad nicht wie Rosens genaue Wortwahl war). Hm :)

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  9. Das klingt ja sehr verlockend. Mich hält von den e-readern bisher ab, dass sie wohl große Probleme mit wissenschaftlicher Literatur (Formeln) haben sollen. Leider.

    Sebastian

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  10. Das mag sein lieber Sebastian. Kann ich nichts zu sagen, aber was noch kritisiert wird sind die teilweise (noch) fehlenden Seitenzahlen, die ein Zitieren unmöglich machen.

    Da bessert Amazon jetzt allerdings nach. Neue Bücher kommen wohl jetzt schon mit Seitenzahlen, und die älteren werden sukzessive damit ergänzt.

    Also zum puren Lesen ist das Ding hervorragend, der praktische Nutzwert für Fachliteratur ist prinzipiell auch grandios (Notizen, Hervorhebungen etc), aber an den angesprochenen Kritikpunkten gilt es noch etwas zu arbeiten.

    Beste Grüße, Calimero

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  11. Darf ich hier mal nachfragen:
    "prinzipiell auch grandios (Notizen, Hervorhebungen etc), aber an den angesprochenen Kritikpunkten gilt es noch etwas zu arbeiten"

    Heisst das man kann auf dem Kindle in diese Bücher reinschreiben oder was unterstreichen?

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  12. Unterstreichen, Bookmarks setzen und Notizen dazu schreiben, ja. Man bastelt dazu so eine Art Fußnote, zu der man aus dem Hauptmenü springen kann.
    Cool finde ich auch, dass man das Buch wie ein PC-Dokument nach Wörtern durchsuchen lassen kann, und dann per "go to" zur entsprechenden Stelle kommt.

    Zum Zitat im letzten Artikel kam ich über das Wort "schwäbeln", ohne dass ich irgendwie rumblättern musste.

    Ist schon praktisch.

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