Da wird er schon in Teilen Recht haben. Ich finde es, soweit ich das von außen beurteilen kann, auch befremdlich, wie Schule immer mehr zur Bildungsanstalt für beliebigen Durchlauf mutiert. Wichtig scheint mir für Schulen und Bildungspolitiker vor allem zu sein, dass möglichst viele Schüler irgendwie durchgeschleust und mit einem nominell hochwertigen Abgangszeugnis versehen werden. Quotenerfüllung soll Qualität suggerieren, und mit einem mehr an Abiturienten und Studenten beweist sich die Bildungsbürokratie, dass sie ihren Teil zur Wissensgesellschaft beiträgt. Nur kommen die erwachsen gewordenen Ergebnisse des Politikfelds Bildung nicht dort an, wo man sie gebrauchen könnte.
Held konstatiert :
Es gibt also nicht zu wenig Bildung, sondern offenbar die falsche Bildung.und
Der wachsende Komplex „Kultur und Soziales“ passt eher zu jener betreuten Erlebnisgesellschaft, die inzwischen auch die CDU/CSU für die höchste aller Gesellschaftsformen hält.Zettel ergänzt das in seinem Raum noch durch die Feststellung, dass naturwissenschaftlich-technische Berufe in unserer Gesellschaft nicht mehr den idellen Stellenwert haben, der ihnen aus Sicht der Wertschöpfung gebührt. Zitat:
Physik? Igitt, das hat doch mit Atomen zu tun. Chemie? Ist schlecht in Lebensmitteln, bläst Gifte in die Luft. Mathematik? Versteht kein normaler Mensch.
und
Gut ist sanfte Energie, ist das leichte Essen, ist die Theologie der Nettigkeit, wie Margot Käßmann sie perfekt personifiziert; gut ist ist das Schonende, das Gefühlvolle, das Intuitive und das Bauchgefühl. Schlecht ist das Harte, das Verkopfte, die "kalte Technik", der "gefühllose Umgang mit der Natur".Auch das kann ich so unterschreiben. Aber auch wenn unsere Staatsbildungsfabriken, die Politik und der Kultursektor sich immer mehr in der Huldigung des Sanften, des Öko- und Biologischen, sowie des Sozialen ergehen, sehe ich keinen Run auf den Beruf des Försters, des Schäfers oder des Landschaftsgärtners. Klar, es strömen mehr Mädchen in nun akademische Sozialberufe, wählen die Biologie, das Lehramt, oder sie wollen Tierärztin werden. Aber wo bleiben da die Jungs?
Männer und Technik gehören doch immer noch zusammen denke ich, aber kann es sein, dass nur die Art der präferierten "Meisterschaft" sich etwas gewandelt hat? Nicht mehr die Erhebung über die Natur, sondern eher die Technik der Macht über Daten, Geld und Menschen als erstrebenswertes Ziel?
Welche Bedeutung haben denn Politikwissenschaften, BWL, VWL, Journalismus, Public Relations und Mediendesign außer der Machterlangung über Menschen und deren Handlungen?
Okay, aber das nur am Rande. Die Ausgangsfrage war ja die, warum sich junge Leute nach der Schule nicht in den benötigten Größenordnungen für die MINT-Fächer entscheiden, obwohl doch gerade dort Fachkräftemangel herrscht, und diese Jobs auch nicht gerade schlecht bezahlt werden.
Gerd Held und Zettel haben ja schon beschrieben, was bildungsmäßig und gesellschaftlich bei uns schief, oder vielmehr nicht wie eigentlich gewünscht läuft. Ich möchte aber noch auf etwas anderes, viel näherliegendes hinweisen.
Es fehlt eventuell ganz einfach an entsprechenden Vorbildern.
Als Schulabgänger steht man ja das erste Mal in seinem Leben vor einer Entscheidung, die einen aus der gewohnten Herde herauslöst. Man muss für sich selbst einen Weg suchen, der den eigenen Fähigkeiten entspricht, der einen dorthin führen soll wo man später im Leben mal stehen möchte, der einen zwangsläufig von den bisherigen Schul- und Spielkameraden absentieren wird.
Man muss sich einen Weg suchen, klar - aber welchen?
Es ist zu entscheiden wie bequem der Weg sein soll, wie lohnend das Ziel erscheint, und vor allem, wie weit man sich damit vom bisher Bekannten entfernen möchte. Eine Frage der Orientierung also.
Und, wer gibt einem diese Orientierung?
Medien, Bildung und öffentliche Aufmerksamkeit natürlich. Klar, was ständig im Gerede ist, davon meint man am meisten zu wissen. Aber um wie viel wichtiger ist da doch das eigene Umfeld? Die Leute die man kennt? Eltern, Familie, ältere Freunde, Nachbarn vielleicht?
Der häufigste Berufswunsch bei Ghettokids soll ja Türsteher, Rapper oder Hartz IV sein. Ich selbst bin im Kraftwerk gelandet, weil ich bis zum zehnten Lebensjahr in einem Kraftwerksstandort gelebt habe und in meiner Familie viele in der Energiebranche gearbeitet haben. Da hatte ich ein Ziel, welches meinem Technikinteresse entgegenkam, und von dem ich schon einiges an Interessantem in Gesprächen aufgeschnappt hatte.
Bis zum Schulabschluss lebte ich dann "auf dem Lande", und, oh Wunder, die meisten meiner Schulkameraden dort zog es danach in landwirtschaftliche und handwerkliche Berufe.
Also, - kann es nicht einfach sein, dass der Mangel an naturwissenschaftlich-technisch sich betätigenden Vorbildern im Umfeld der Heranwachsenden Schuld daran ist, dass junge Menschen nicht mehr so häufig diesen Weg einschlagen? Ganz einfach weil dieser Abzweig relativ unbeleuchtet erscheint, während andere mit medialen Flakscheinwerfern bestrahlt werden?
Dazu kommt noch, dass jeder orientierungslose Jugendliche mit entsprechendem Abiturzeugnis, das Angenehme seine Schulzeit mittels eines Irgendwas-Studiums einfach noch um ein paar Jährchen verlängern kann. Dies dann auch noch mit dem Vorteil der nunmehr erlangten Volljährigkeit.
Lustig scheint das Studentenleben, vor allem auch im Gegensatz zum Ausbildungsberuf, der einen doch "nur" zum Facharbeiter macht.
Mich würde mal interessieren wieviele Leser mit einem MINT-Abschluss, oder einem technischen Beruf sich auch an Vorbildern aus dem persönlichen Umfeld orientiert haben.