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Dienstag, 28. Juni 2011

Reisetagebuch mit Mafiageschichte

Wie schon gesagt, ich habe mich in den letzten Tagen in Kalabrien rumgetrieben. Geplant war da nix, vorbereitet noch weniger. Irgendwann stand endlich unser beider Urlaub zeitmäßig fest, und wir mussten eine Woche vorher noch ein Reiseziel finden.
Süditalien wollte ich, weil ich Land und Leute sehr mag, und Kalabrien wurde es dann, weil auf Sizilien irgendwie nichts passendes zu finden war.

Dass dies eine außergewöhnliche Entscheidung gewesen sein sollte, versuchte uns dann beim Begrüßungstreffen unsere Reiseleiterin beizubiegen. (Dieses lieblich lächelnde Exemplar muss übrigens entstanden sein, als in einer Douglas-Filiale ein Edelparfum-Regal direkt auf einen Stapel Hochglanzmagazine und Reiseführer gekippt ist, welchen man dann auf einer Sonnenbank hat trocknen wollen. Sie war aber wirklich sehr nett.)

Ob unsere Bekannten uns ungläubig angeschaut hätten, als wir sagten, dass es nach Kalabrien ginge? Öhm ... nö? Warum? Ja, weil der Tourismus hier noch so jung sei, und es noch ungewöhnlich wäre hier hin zu fahren.
Kurzer Seitenblick zu den anderen zwanzig Nasen im Saale ... Nee, wie Urlauberavantgarde sehen die auch nicht unbedingt aus. Sei es drum, lassen wir ihr ihren Verschwörermoment. (Ich wusste da noch nicht, dass der US-Konsul in Neapel 2008 Kalabrien als fast failed state bezeichnet hatte, und das stillgelegte Klärwerk direkt hinter den Strand-Sonnenliegen habe ich auch erst später gesehen.)

Danach jedenfalls noch ein bissl Landeskunde und ein paar empfohlene Tagestouren, das sollte es dann auch gewesen sein. (Seit wann gibt es eigentlich keine alkoholischen Getränke zur Begrüßung mehr? Vor Jahren wurde ich auf Zypern noch mit Whiskey sour willkommen geheißen, seitdem noch 1 - 2 mal mit Sekt, aber irgendwie haben sich wohl Automatenfruchtsäfte aus Plastikbechern durchgesetzt. Eine EU-Harmonisierung?)

Egal, drei Trips gebucht (Sizilien, Stromboli und ein mal Bootstour die Küste entlang) - fein. Diese Woche ist schon mal organisiert.

Zum Hotel habe ich mich ja schon ausgelassen, da muss ich nichts mehr sagen. Aber zur Stadt noch kurz: wir mussten, um in die Innenstadt zu gelangen, an einer Kirche mit Pater Pio Denkmal und angeschlossenem Friehof entlang. Alter Schwede, dort sieht der Gottesacker aus wie eine Miniatur Einfamilienhaus-Siedlung, Respekt vor dieser Gruftkultur - wirklich beeindruckend.
Einmal war dort, also an der Kirche, ein Riesenauftrieb. Anscheinend weil da gerade ein bedeutender Geistlicher namens Rodolpho verstorben war, oder noch lebend die Kirche beehrte - keine Ahnung. Aber das Publikum war der Kracher. Das hätte Scorsese nicht besser besetzen können, wenn sie verstehen was ich meine.

Ältere, elegante Herren mit riesigen Brillen und italienischen Mamas an der Seite (oder ebenso eleganten, leicht welken Ladys), kräftige oder verwegene mittelalte Typen und natürlich die jungdynamisch gegelte Enkelgeneration mit Sonnenbrille und apartem weiblichen Anhang. Grandios! Großes Kino!

Die City selbst ist auf sympathische Art original. Kleine Gassen, alte Häuser, ein bissl was für Touris, jede Menge Aussichten und Ansichten und sie ist vor allem von den Einwohnern dominiert. Urlauber sind dort sichtbare (und hörbare!) Gäste, prägen aber (noch?) nicht das Straßenbild.
Ich weiß nicht, ob es am Wetter oder am dortigen Temperament liegt, dass die Bewohner am Abend noch einzeln oder in Grüppchen auf der Straße stehen und palavern, aber mir gefällt das sehr. Hat irgendwie was heimeliges.

Insgesamt war es jedenfalls sehr schön dort. Ich würde es guten Gewissens als Urlaubsziel empfehlen.

Das aber nur als Geplänkel. Richtig interessant wurde es, als wir auf der Sizilien-Tour unsere Reisebegleiterin mal ein bissl über Kalabrien ausfragen sollten.
Okay, man macht viel in Familie, zu Weihnachten gibts große Gelage mit explizit roten Geschenken, in der letzten Zeit durchaus illuminiert von grausigfarbenen Plastiktannen ... aber, hey - woran denkt man denn zuerst bei Kalabrien? Na?

Richtig, an die ehrenwerte Gesellschaft - die 'Ndrangheta (ist kalabrisch und heißt soviel wie "stolzer Mann")

Und da hatten wir Glück, dass unsere begleitende (deutsche) Landeskundige schon seit 24 Jahren dort unten lebt, und wohl auch ziemlich wissbegierig ist. So hat sie selbst auch schon mal einen örtlichen Don interviewt um mehr zu erfahren. (namens Don Chicho, oder so ähnlich)

Ich versuche mal, ihre Ausführungen hier wieder zu geben.

Anders als in Sizilien und Neapel (Cosa Nostra und Camorra) entstammt die kalabrische 'Ndrangheta nicht den Adeligen und Großgrundbesitzerclans, die sich als Staat im Staate ihre Pfründe gegen die aufständischen Bauern sichern wollten, sondern einer Art Graswurzelbewegung. Die beiden erstgenannten Organisationen sind älter, und wohl Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, als es zwischen Bourbonenherrschaft und Risorgimento in Süditalien ein bissl drunter und drüber ging.

Zu der Zeit war Kalabrien noch mafiafrei. Die kalabresische Bevölkerung unterstützte auch den Kampf Giuseppe Garibaldis für die italienische Einigung gegen die Fremdherrschaft. Die Bauern verstärkten und versteckten die aufständischen Briganten. Als diese dann erreicht war (wohl ca 1860), wandten sich jedoch die siegreichen Italiener gegen die süditalienische Bevölkerung.

Ab hier beißen sich jetzt die Angaben unserer Führerin mit den Geschichtsartikeln aus der Wikipedia, aber ich will ja ihre Darstellung, die sie aus Gesprächen mit der Bevölkerung und Freunden bezieht, wiedergeben. Sie wies auch explizit darauf hin, dass die offizielle Geschichtsschreibung von den Siegern verfälscht wurde, und erst vor 1 -2 Jahren eine öffentliche Diskussion mit wieder aufgetauchten Dokumenten begonnen hätte, die die überlieferte Darstellung der Kalabreser bestätigen.

Angeblich gab es also eine Volksabstimmung, ob das Land eine Monarchie oder eine Republik werden sollte, wobei sich Süditalien für die Republik entschied. Das geeinte Land wurde aber als Monarchie geführt, und die einstmals Verbündeten aus dem Norden begannen nun, den Reichtum Süditaliens auszubeuten.
Ich habe dafür keine Belege gefunden, aber in der Legende war das ehemalige Königreich Neapel durchaus wohlhabend, und es gab angeblich auch eine Eisenhütten-Industrie die so toll war, dass der russische Zar diese in seiner Heimat irgendwo 1 zu 1 nachbauen ließ. Irgendeine wichtige Eisenbahnstrecke bestand wohl auch aus diesem Neapel-Stahl.

Na, jedenfalls wurde im Süden nun alles "abgewickelt", wie wir sagen würden, und im Norden neu aufgebaut. Der Süden blutete an Menschen und Geldern aus (hohe Steuerbelastung, Wirtschaftsförderung im Norden).

Die übrig gebliebenen Aufständischen und die Bevölkerung blieben nun weiter im Widerstand, diesmal gegen die italienische Regierung. Daraufhin gab es eine oder mehrere Strafexpeditionen, denen ca 100000 Kalabreser zum Opfer fielen.
Die ehemaligen Briganten gingen in den Untergrund und betätigten sich nunmehr als Robin Hoods, die den Reichen nahmen und den Armen gaben. So die Legende von den Ursprüngen der kalabresischen Mafia.

Als Mussolini dann an die Macht kam (interessanterweise in den Ausführungen stets kumpelig "Benito" genannt), hatte dieser eine Begegnung mit einem Boss der sizilianischen oder neapolitanischen Mafia, der seiner Macht besonders sicher war. "Benito" fand das nicht so prickelnd und ließ den Kampf gegen die beiden großen Organisationen intensivieren, woraufhin ein Großteil der Mafia-Elite sich in die USA absetzte. Der kalabresische Vorläufer der Mafia war damals noch zu klein und unbedeutend.

Ohne die große Konkurrenz konnte sich die Organisation allerdings ungestört entwickeln. Man ging auch dazu über nicht mehr nur Gutes für die Bevölkerung zu tun, sondern auch für die eigene Tasche.
Als nach Mussolini nun die alten Mafiosi wieder verstärkt Fuß zu fassen versuchten, war Kalabrien für sie schon eine tote Zone. Fest in der Hand der nunmehr starken Organisation namens 'Ndrangheta.

Wie leben nun die Kalabreser heute mit ihrer organisierten Kriminalität?

Ambivalent. Die Mafia hilft dort, wo der Staat versagt. Vielmehr hat sie, wenn gewünscht, die Macht zu helfen. Wer in den teils korrupten Wirrnissen der italienischen Bürokratie kein Land mehr sieht, kann sich auch vertrauensvoll an den örtlichen Boss wenden. Allerdings steht man dann in dessen Schuld, was durchaus auch unangenehme Gegengefallen nach sich ziehen kann.

Ansonsten lässt man die kleinen Leute in Ruhe. Die Gewaltkriminalität in Kalabrien ist wohl auch sehr sehr niedrig, weil die Mafia flächendeckend präsent ist, und ihre Augen und Ohren überall hat. Man kennt alle seine Schäfchen und möchte Ruhe im Stall haben.
Auch erhebt die 'Ndrangheta keine Schutzgelder von kleinen Händlern, sie hängt sich nur in die großen Geschäfte rein.
Wenn jemand (ein genanntes Beispiel) ein Pizzeria in seinem Heimatort aufmachen möchte, so kann er das auch einfach ohne Nachfragen tun. Sollte er aber dasselbe in einem fremden Ort tun wollen, so muss er dort mit den drei wichtigsten Personen sprechen. Dem örtlichen Bürgermeister, dem Priester, ... und mit dem zuständigen Boss natürlich. Wird man sich mit letzterem einig, dann steht dem Geschäft nichts mehr im Wege.

Für mich persönlich war die folgende ausdrückliche Beteuerung sehr beruhigend: Touristen stehen explizit unter dem besonderen Schutz der Mafia (sofern man sich anständig benimmt natürlich). Urlauber bringen nicht nur Geld ins Land, sondern auch Prestige - da soll es ihnen auch gefallen, so dass sie nur Gutes berichten, und noch mehr Touris anlocken. Man kann also getrost seinen Mietwagen offen stehen lassen, oder mal vergessen den Rucksack richtig zu schließen - es wird keiner Hand an dein Eigentum legen. Eine Frage der Ehre! Und natürlich der Angst von Kleinkriminellen vor den richtigen Gangstern.

Überhaupt die Ehre. Die 'Ndrangheta unterscheidet sich angeblich noch in einem Punkt sehr von ihren nahen Verwandten. Es geht hier nicht nur um profane Geschäfte, sondern eben auch um Mannesehre und übersteigerten Machismo. Deshalb ist sie, wenn einmal verärgert oder gar in der Ehre gekränkt, auch besonders brutal. Hat wohl etwas mit einem gewissen historischen Minderwertigkeitskomplex zu tun, resultierend aus der sowieso abschätzig betrachteten süditalienischen (unterentwickelten), und vor allem noch der bäuerlichen Herkunft.

Ein Beispiel für die wirklich totale Kontrolle der Organisation über das Land hatte unsere Begleiterin auch noch persönlich erlebt. Ihrem Sohn war irgendwo sein Portemonnaie abhanden gekommen, was diesen sehr bestürzt hatte weil sich darin ein besonderes Erinnerungsstück befand. Suchen half nichts, das Ding war weg. Verloren, gestohlen - weg.
Etwa drei Wochen später bekam sie einen Anruf auf ihrem privaten(!) Handy von den Carabinieri aus einem 30 km entfernten Ort. "Ob sie die Reiseleiterin XY sei?" Ja? "Ist YZ ihr Sohn?" Ja. "Sein Portemonnaie wurde bei uns abgegeben, sie könne es sich abholen."

Also ich wüsste nicht, wie die Polizei an meine Handynummer kommen sollte, und dass eine Brieftasche mit allen Ausweisen und Karten darin in eine 30 km entfernte Stadt zum Abgeben gebracht würde, wage ich auch zu bezweifeln. Da kennt man halt auf irgendeinem Wege jeden, keiner kann sich den Augen und Ohren der Organisation entziehen. Kann auch mal von Nutzen sein, solange man ein ehrbarer Bürger ist - sogar für ansässige Ausländerinnen gilt das.


Ich will das hier nicht romantisieren, und ich glaube, auch die Kalabreser sehen die 'Ndrangheta nicht unbedingt als Sahnestück ihres Landes. Wir sollen auch nicht vergessen, dass auf einen Mafioso auch tausend ehrliche Kalabreser kommen. Aber die Geschichte fand ich doch sehr interessant, und vielleicht interessiert sie auch den einen oder anderen Leser hier.

Dienstag, 21. Juni 2011

Hotelanlagen

Jetzt liege ich hier in unserem Zimmer rum und habe doch mal Zeit zum Bloggen. Warum? Ich könnte mich ja auch draußen hinsetzen und die Sonne genießen.
Ha, vonwegen! Das thyrrenische Meer hat seit gestern Rüpeltage, und die Lifeguards verbieten den Sprung in die aufgewühlten Fluten. Da liegen zwischen all dem Sand halt auch ein paar größere Brocken in ein bis zwei Metern Tiefe, und wer möchte schon irgendwelche sonnencremeglitschigen Urlauber aus den Wellen bergen, wenn die unsanft mit solchen Klamotten kollidiert sind?
Nuja, dementsprechend ist natürlich auch der Poolbereich komplett besetzt. Mist. Wären wir mal früher aufgestanden ... aber, hey, es ist doch Urlaub!

Genau, es ist Urlaub, und da kann ich ja auch ein bissl Reisetagebuch führen. Heute jedenfalls.

Es gab mal zwei Dinge die für mich früher nie in Betracht gekommen wären - urlaubstechnisch. All inclusive und Hotelanlagen mit Privatstrand.
Heute bin ich da anderer Meinung. Bin wohl auch älter geworden, oder habe einfach schon genug anderes erlebt. All inclusive war für mich immer der Inbegriff des Fress- und Sauftourismus. Losgelassene, laute Teutonentrupps (wahlweise auch Briten oder Russen), die bis Mittag im Bett bleiben um sich dann am Pool für den Abend warmzutrinken, während rund um die Uhr gefuttert wird. Uargs!

Ist aber nicht so. Das rund um die Uhr zur Verfügung stehende Angebot macht die Leute irgendwie entspannter. Da konzentriert sich nix auf die drei Stunden Frühstück oder Dinner, so dass ausgehungerte TUI-Hyänen sich über das Buffet werfen müssten. Angenehm, Pluspunkt.
Getränketechnisch ist es sowieso relaxter, wenn man nicht für jedes Glas Cola bezahlen muss, oder um dem zu entgehen, flaschenweise Supermarktware im Zimmer bunkert. Nächster Pluspunkt.

Aber nun - Hotelanlagen. Der betongewordene Horror. Touri-Knäste, aus denen sich der einmal eingezogene  Feriengast nicht mehr rausbewegen muss. Poollandschaft, Restaurants, Tennisplatz, Bars und Kaufmichläden ... alles da. Und damit es nicht langweilig wird, erschrecken auch ab und an irgendwelche Animateure die hochroten, käseweißen, oder braunglänzenden Liegestuhlmaden mit dem einstudierten Hoteltanz der Saison.

Caramba, Karacho, olè!

Ja, nein. Es muss ja kein Bunker sein. Hier zumindest haben sie es sehr schön hinbekommen. Wirklich. Die kleinen Hüttchen und niedrigen Bauten inmitten eines grünpalmigen, ruhigen Geckoreservats machen echt Freude. Gegen den hoteleigenen Strand habe ich auch nichts mehr, nachdem mich früher dauernd irgendwelche fliegenden Händler aus meiner Ruhe meinten reißen zu müssen. (Meine Ex hat mal aus lauter Verzweiflung irgend so einem Strand-Bauchhändler ein Schälchen Weintrauben für später umgerechnet 25 DM "abgekauft")
Naja, und um meinen Kindle brauche ich mir auch keine Sorgen machen, wenn ich dann mal wieder ins Wasser darf...

Tja, und die Animateure ... hm, man muss es nicht mögen. Man muss aber auch nicht mitmachen. Und da hier allem Anschein nach vor allem temperamentlose Deutsche rumlungern, haben sich die Hotel-Spaßmacher sicherheitshalber wohl mehr auf auto-animation verlegt.
Aber sollen sie. Wie oft habe ich in schnuckeligen kleinen Hotels gewohnt, die abends, laut Prospekt, in ihre gemütliche Pianobar einluden, wo wir dann allerdings allein mit dem Piano und dem Barmann/Rezeptionisten waren. So treibt es die Hotelinsassen nach dem Dinner halt gemeinsam an die weitgehend kostenlose Bar zu den Animateuren und klavizimbelnden Frank Sinatra Gedächtnisinterpreten. Ist doch nett!
Wenn ich will, kann ich ja trotzdem in der mittelalterlichen Stadt flanieren und bei dortigen Gastronomen einkehren. Also bisher habe ich nur Pluspunkte auf der Liste.

Wenn da nicht die Bändchen wären. Also mir ist es ja eigentlich egal, aber ich habe noch die gutmenschliche  Kritik von Bekannten in den Ohren, dass man damit ja irgendwie beringt wäre wie eine Brieftaube, und das ganze dann doch eine Art Stigmatisierung bedeutete. Armbändchen gleich "all inclusive" gleich unselbständiger Frachtguttourist. Menschenmaterial mit am Arm zu tragender Ohrmarke, für alle erkennbar - uiuiui!

Nö, also ich sehe es sportlich. Wie eine Art billigen Modeschmuck, oder das Vereinsabzeichen als Kettenanhänger. Und ... es lädt zum Sinnieren ein.

Ich bin ja ein Weißband-Urlauber wie die meisten. Mittelschicht sozusagen. Dann gibt es noch die Goldbändchenträger, die "Reichen", die (nach Voranmeldung) kostenlos im a la cartè Restaurant dinnieren dürfen und wohl alle Cocktails inclusive haben. Hm, brauche ich nicht.
Kinder haben rote Bändchen. Da bedauere ich einen offensichtlich über 2 Meter großen Jungmann, der noch mit dem roten Kindchenstigma rumlaufen muss. Der Ärmste macht doch hier keinen Stich bei den Mädels! Die wollen doch einen, der ihnen auch mal ne Whisky-Cola holen kann! Ungerechte Welt.

Ja und dann sah ich heute ein Pärchen mit grünen Armbändern. Was sind wohl das für welche? Öko-Touris?
Werden bei denen die Handtücher nur alle vierzehn Tage gewechselt? Die Bude nicht gewischt, sondern nur gefegt? Klimaanlage, wenn überhaupt vorhanden, dann zentral gesteuert? Kein Kühlschrank, und Strom nur stundenweise?

Fragen über Fragen.

Naja, das soll es für heute gewesen sein. Morgen gehts erstmal rüber nach Sizilien, und heute, so hoffe ich doch, auch nochmal in irgend ein Gewässer.

Herzliche Grüße an alle Daheimgebliebenen ... Calimero

Samstag, 4. Juni 2011

Ein Kindlespielzeug für Calimero (Zweiter Teil)

Das war ja ein Akt! Soviel Vorfreude gehabt und soviel Ungemach in Kauf genommen (ich hatte mich von der Postfrau im Nachtschichtschlaf wecken lassen), und dann hätte ich das Teil fast wieder zurück geschickt.

Aber der Reihe nach: Kurz nach Eins wurde ich rausgeklingelt, bin zum Hoftor gespurtet und habe das Päckchen in Empfang genommen. Darin wiederum befanden sich zwei Kartons in gediegener Papp-Optik ohne bunten Hochglanz-Infokram. Gefällt mir schonmal sehr gut. Amazon Kindle ... mehr steht nicht drauf.
Zwei Päckchen waren es, weil ich mir gleich noch die Hülle mit integrierter Leselampe dazu bestellt hatte. Es soll ja auch nachts im Bett was bringen, wenn alle anderen Lebewesen im Raum schon schlafen.

Nun aber aufgerissen das Westpaket. Schlicht, schick, grau und flach isser. Hinter einer Schutzfolie liegt anscheinend noch ein Infoblatt auf dem Display, aber es ist keins ... es ist schon das Lesefeld, auf dem die letzte Ansicht quasi stromlos eingeforen stehen bleibt. Beeindruckend!
Nun muss er aufgeladen werden. Drei Stunden soll das nach Erfahrungsberichten dauern. Ich stöpsele die Mini-USB Buchse mit dem Laptop zusammen und warte.
Eine orangene LED funzelt vor sich hin und zeigt an, dass da Spannung anliegt. Auf dem Display ist nur zu lesen, dass der Akku leer ist. "Battery empty" oder so ähnlich.

Hm, mehr passiert nicht. Kein Bildschirm erwacht zum Leben, keine Fortschrittsanzeige blinkt. Kann ja auch nicht. Solange ich nichts mache, ändert sich die eInk-Anzeige ja nicht. Vielleicht haben die eine Sicherheit eingebaut, die die erste Aktion erst erlaubt, wenn die Akku-Spannung ein bestimmtes Level erreicht hat?
Nach drei Stunden reißt mich Morpheus wieder um.

Zwei Stunden später weckt mich die Gattin, aber auf meinem Kindle ist immer noch nicht mehr passiert. Die LED leuchtet stumm orange, obwohl sie langsam mal grün sein sollte. Mist, noch keine Reaktion rauszuholen.

Ich werde langsam ungeduldig und habe mich schon innerlich damit abgefunden ein Montagsgerät erstanden zu haben. Aber Frauchen gibt nicht auf. Ein Reset lässt die LED mal kurzzeitig grün werden, aber das war es auch schon wieder.
Jetzt wird gegoogelt, und siehe da - wenn der Akku komplett tiefentladen ist, kann die Ladeelektronik das Anlegen einer Spannungsquelle als Kurzschluss interpretieren und abschalten. Hilfe soll da ein mehrmaliges Ein- und Ausstöpseln bringen, um mit kurzen Stromstößen einen Anfangsladestand zu erreichen.

Plötzlich ... Heureka! Es lebt! Also jedenfalls ändert sich die Displayanzeige und informiert mich jetzt (!) darüber, dass man das Gerät erst am Computer auswerfen muss, um den Akku laden zu können. Ansonsten ist er im Datenaustauschmodus und kein Strom fließt. Na toll. Das hätte ich vor fünf Stunden wissen sollen (wobei, ohne das Spannungs-Anfangsniveau im Kindle hat der Rechner das Ding eh nicht erkannt).
Dabei ist noch zu beachten, dass kein eigenes Netzteil beiliegt, sondern man auf ein USB-Kabel angewiesen ist. Ob es mit meinem Handyladegerät klappt (auch Mini-USB) wollte ich beim ersten Mal noch nicht ausprobieren.

Okay, irgendwann wird die Lummi grün, und mein Kindle ist einsatzbereit. Jetzt wird rumprobiert. Bücher runterladen ist Sekundensache, nachdem ich ihm unseren W-LAN Schlüssel verraten habe. Mittels eines deutschsprachigen Tipps- und Einsteigerbuchs teste ich die Funktionen durch, lege mir ein paar Ordner (Collections) an und fülle diese mit einigen Werken von meinem Wunschzettel.

Ich stelle jetzt schon fest, dass es so einfach ist sich Bücher runterzuladen, dass die Gefahr bestehen könnte da schnell mal ein paar Euro zuviel per 1Click loszuwerden.
Da ist wohl Selbstdisziplinierung gefragt, wenn der "haben will"-Reflex übermächtig wird.
Bei einer normalen Buchbestellung packe ich ja immer so 3 ... 4 ... 6 Bücher in den Warenkorb, und wenn ich dann nachgucke sind es vielleicht 150 Euro. Da überlegt man dann schon, ob man nicht auf das eine oder andere verzichten kann. Bei einem Klick und sekundenschneller Lieferung fehlt diese Endsummen-Kontrollzahl.

Eins steht jedenfalls fest. Ich werde das Teil behalten und nutzen, denn es ist einfach zu praktisch. Das Wichtigste, das Lesen, ist sehr angenehm. Zuerst dachte ich, dass das Display vielleicht zu klein sein könnte, aber das ist es überhaupt nicht. Ungefähr eine Taschenbuchseite wird abgebildet, das Bild ist gestochen scharf und erweckt wirklich den Eindruck einer papiernen Seite.
Dass es sich um eine Bildschirm-Anzeige handelt, fällt erst auf, wenn sich ein Fussel absetzt. Den würde man auf einer Buch-Papierstruktur gar nicht sehen, aber hier ist er ein Fremdkörper.

Das Umblättern erfolgt schneller als beim Buch, und hat kaum eine merkbare Verzögerung. Ein bissl muss ich aufpassen, dass ich nicht dem Reflex folge schon bei den letzten zwei Zeilen umzublättern. Normalerweise folgt man ja beim Seitenumschlagen noch den letzten Worten, aber jetzt fehlt diese Zeit. Ein Fingertipp, und die nächste Seite ist da. So musste schon ein paar mal wieder auf die letzte Seite zurück.

Das Handling allgemein ist grandios. Das Gewicht von zwei Tafeln Schokolade hält man lockerer als so manches Buch. Die Seiten wollen sich nicht selbst umblättern, das Auseinanderdrücken der Buchmitte (bei sehr fest gebundenen dünnen Büchern) entfällt.
Buchseite, schwarz auf weiß - das wars. Einfach und funktional, dabei sehr angenehm zu lesen. Sonneneinstrahlung ist absolut kein Thema. Da muss man sich schon bewusst die Sonne in die Pupille spiegeln um nicht mehr lesen zu können.

Zusammen mit der Hülle entfällt auch das Halten selbst, was im Bett sehr praktisch ist. Man kann das Ding einfach im gewünschten Anstellwinkel, und gewählter Ausrichtung (Hoch- oder Querformat) irgendwo platzieren und braucht nur ab und zu einen Fingertipp zum Umblättern. In Verbindung mit der sehr gut fokussierten Leselampe der Traum meiner Kindheit. Damals war es mit der Taschenlampe unter der Bettdecke wesentlich unbequemer.
So kann ich lesen, und meine Liebste wird nicht im Schlaf gestört. Genial!

Zusammenfassend würde ich sagen, dass Amazon hier den iPod für Leser rausgebracht hat. Technisch habe ich nichts zu meckern, das Runterladen ist praktisch, und wer etwas von außerhalb des Amazon-Universums haben will, hat die Möglichkeit andere e-Books per calibre für den Kindle zu formatieren.
Schön finde ich auch, dass man eigene e-Books erstellen kann und so das Verlagsdrama für Newcomer entfallen kann.
Nach den Leseproben einiger Nachwuchsschriftsteller zu urteilen, hat auch so mancher Blogger das Zeug dazu, seine Texte als e-Book über Amazon anbieten zu können. Problemlos.

Kann er das Buch ersetzen? Lesetechnisch ja, auf jeden Fall. Aber auf den physischen Erwerb besonderer Bücher möchte ich trotzdem nicht verzichten, genausowenig wie auf CDs obwohl es MP3 gibt. Ein Buch hat einfach einen anderen haptischen und ewigen Wert, aber halt nicht alle Bücher auch einen inneren.

Ach ja, ein Problem könnte ich noch bekommen. Meist lese ich zwei bis drei Bücher parallel (1 - 2 Sachbücher/Klassiker und einen Schmöker) und wenn mir die Lust nicht nach dem einen ist, greife ich halt zum anderen. Wenn jetzt der Schmöker, als einfachste Lektüre, aber auch gerade einen Hänger in der Handlung hat? Dann ziehe ich normalerweise trotzdem durch. Ich renne doch nicht extra zum Bücherschrank und hole mir ein viertes Buch! Mit dem Kindle habe ich aber alles schon in Greifweite, da wird es wieder Disziplin erfordern um nicht irgendwann mal 20 halbgelesene Bücher gleichzeitig in der Mache zu haben.

Also, insgesamt hat sich die Anschaffung gelohnt. Calimeros Priscilla liegt draußen in der Sonne und liest gerade das von mir runtergeladene Katzenbuch. Ich werde mir heute abend wieder mit dem Kindle die letzte Stunde vor dem Einschlafen versüßen. Und wenn ich nicht gerade komplett taschenlos in der Welt unterwegs bin, werde ich den Kindle wohl als ständigen Begleiter immer mit dabei haben.

Um meine Eingangsfragen aus dem ersten Teil zu beantworten: Brauche ich sowas? Jetzt, und gerade dieses Teil?

Yes baby! :-)

P.S. @Thomas: Badewanne geht sicherlich auch, aber ich würde ihn sicherheitshalber in eine Klarsicht-Plastiktüte packen. So billig isser ja nun nicht.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Ein Kindlespielzeug für Calimero (Erster Teil)

Die Vorgeschichte:

Seit meinem ersten Walkman habe ich mir nie wieder irgendein Gadget mit Erkennungsnamen gekauft. Der iPod ist an mir vorbeigegangen (sogar mein Vater hat einen!) und ein iPhone habe ich auch nicht. Obwohl ich das iPad sehr schick finde, und es geschenkt bestimmt nicht ablehnen würde sehe ich momentan keine rechte Verwendung dafür, da ich eh schon drei Rechner hier rumstehen und -liegen habe.
Ich wäge halt immer erst ab ob ich etwas wirklich brauchen könnte (oder Frauchen tut das für mich ;-) ), ob es gerade jetzt, und ob es genau dieses Teil sein muss. Vielleicht kommt ja später etwas viel besseres von einer anderen Firma?

Nunja, jetzt habe ich mich aber entschlossen mir einen Kindle zuzulegen.

Brauche ich sowas? Keine Ahnung, aber die Aussicht auf eine Bibliothek in der Jackentasche hat was. Überhaupt ist mir die Möglichkeit überall Lesestoff bei der Hand zu haben um Längen wichtiger, als z.B. Musik im Ohr.
Und was man da an Bücherplatz sparen könnte! Die Dinger schmeißt man ja nie weg, also wächst die Bibliothek über die Jahre um Kubikmeter Papier an. Ja, ich denke, ich brauche sowas.

Brauche ich es jetzt? Wieder, keine Ahnung. Aber ich denke, dass die Zeit dafür reif ist. Lange genug haben ja etliche Firmen daran rumgewerkelt, das Interesse war immer da, aber irgendwie waren die Ergebnisse wohl nie so recht überzeugend. Ich hatte mal so einen Oyo in der Hand, und das hat mich nicht grad vom Stuhl gehauen, aber Amazon haut den Kindle jetzt in seine dritten Generation mit voller Marktmacht in den deutschen Verkauf. Die werden schon wissen wann es dafür an der Zeit ist. Immerhin werben sie damit, dass der Kindle das beliebteste und am besten bewertetste Produkt bei Amazon.com ist. Schauen wir mal.
Die Kundenrezensionen sind jedenfalls vielversprechend.

Überhaupt ist es schon ein Unding, dass es anscheinend so schwer ist einen vernünftigen ebook-Reader zusammenzudengeln. Ich habe schon FullHD-Flatscreens mit 106cm Bilddiagonale für 500 Ocken gesehen, Klicki-Buntis und Elektronikspielzeuge für alles gibts es en masse. Kein Wunsch bleibt unerfüllt, aber an einem adäquaten Buchersatz in schwarz-weiß Optik scheiterten die Elektrofrickler regelmäßig. Die MÜSSEN das jetzt einfach hingekriegt haben, es kann nicht anders sein.
Bald geht es außerdem in den Urlaub, und ich will nicht wieder 5 kg Bücher mitschleppen und dann auf genau diese angewiesen sein! Ja, ich denke es ist jetzt an der Zeit.


Der Tag vor der Auslieferung:

Vorgestern hatte ich bestellt, morgen soll geliefert werden. Ich habe in der Zeit viele Rezensionen gelesen und mich so ein bissl auf das eingestellt, was da morgen auf mich zukommen wird. Bin schon etwas hibbelig, und freue mich schon sehr auf das Gerät. So eine Vorfreude habe ich bei einem Konsumprodukt schon lange nicht mehr verspürt. Hoffendlich werde ich nicht enttäuscht.
Jetzt brauche ich aber content, denn irgendwas will ich ja schließlich zum "anlesen" haben wenn das Ding ausgepackt ist.

Erstmal ein Einsteiger-Tipps-und-Tricks-Buch, klar. Gibts für schmales Geld, also rauf auf den Wunschzettel. Wenn der Kindle dann da ist, dauert der Download ja angeblich nur Sekunden.
So, nun Klassiker. Da gibt es Hunderte für nullkommanull Euronen. Ein Traum!
Erstmal haben, löschen kann ich ja schnell wieder wenns absolut nicht gefällt. Dante Alighieri? Hat mich schon immer mal interessiert. Auf den Wunschzettel.
Mist, Oswald Spengler habe ich gerade erst in Schwartenform gekauft, aber Kafka, die Edda, Tacitus' Germania, T.E. Lawrence etc ... alles auf den Zettel. Karl May habe ich das letzte mal in Fraktur gelesen, jetzt kann ich mir die gesammelten Werke für lau ziehen. Ist schon fein. :-D
Ein Haufen Marx und Engels haben sie, Freud, Hegel, Rousseau ... nee, das Kommunistische Manifest brauche ich auch echt nicht. Liegt hier noch als Heftchen irgendwo rum. Es reicht jetzt aber auch langsam mit den kostenlosen eBooks.

Weitergucken. Sachbücher. Hm, was ich will gibts nicht, aber dafür jede Menge Mainstream-Ratgeberkram. Meine gesuchten Autoren haben zwar jede Menge Hits, aber leider (noch?) alles auf Englisch.
Also Belletristik. Wieder Autorensuche. Was fällt mir spontan ein? Philip Kerr, Tad Williams, Tom Clancy, Sergej Lukianenko ... gibts nicht auf deutsch oder habe ich schon. Eschbach? Ja! Da gibts was Neues, allerdings teurer als die Taschenbuchausgabe. Was soll'n der Scheiß? Markus Heitz ist dagegen 'ne sichere Schmökerbank und enttäuscht auch nicht. Der wird nochmal Konsalik und Hohlbein übertreffen bei seinem Output. Ich nehme einen ersten Teil.

Okay, also mit den Autoren komme ich nicht recht weiter, versuchen wir es mal mit der Belletristik-Liste.

Also ich weiß nicht, welches System Amazon dabei hat, aber alphabetisch ist es definitiv nicht. Nach Bestseller-Ranking geht es aber auch nicht - losen die da die Plätze aus? Es erinnert mich ein wenig an einen Flohmarkt, in dem man ungeordnete Bücherkisten durchsucht.

Stelle fest, dass es eine ungeahnte Zahl an deutsche Kopulationsliteratur gibt. Swinger- und Hurengeschichten, SM, oral, anal, vertikal, "Bück dich Chefin!" usw ... auweia. Dieser Trend ist irgendwie voll an mir vorbeigegangen bisher.
Liebesschmonzetten, Bestseller, Dramen, Historienschmöker, Krimis ... ich habe keinen Plan und vermisse einen Berater der meinen Geschmack kennt. Memo an mich: Buchladen-Jutta mal wieder besuchen.

Na ja, ein paar Sachen finde ich dann doch. Rainer Innreiter, der ab und zu bei Zettel kommentiert, verdient auf jeden Fall eine Chance, eine Kurzgeschichtensammlung aus Sicht einer Hauskatze kommt auch auf die Wunschliste (für meine Liebste, die noch gar nichts von meiner Neuerwerbung weiß ;-) ), und dies und das auch noch. Aber nach stundenlangem Gesuche bin ich völlig fertig. Was für ein Haufen Zeugs wurde da schon ohne mein Wissen veröffentlicht. Unglaublich! Hoffe, dass bald alle Verlage mit dem vollen Programm auf den Zug aufspringen werden.

Es reicht jedenfalls. Der Kindle kann kommen. Morgen.

Freitag, 6. Mai 2011

Kurzbericht Romreise

Aus Gründen der Stressvermeidung wurde die Nacht vorher in einem Airport-Hotel verbracht. Nochmal kurz nach Berlin rein was futtern, dabei feststellen, dass die Reinigungskräfte mit dem Fegen auf S-Bahnhöfen mehr zu tun haben, seitdem dort die Aschenbecher abgeschafft wurden. Bekloppt.
Berlin (Ost) am Nachmittag des 1.Mai - relativ unspektakulär. Einiges an jugendlichem Revolutionspersonal unterwegs, aber irgendwie sahen die im Einzelnen ziemlich harmlos aus. Niedlich finde ich ja junge Mädels mit Punk-Fassade und kokettem Mädchenhüftschwung. Da tarnen auch die Lippenpiercings nix - ihr wollt auch nur gern Prinzessinnen sein.
Ja, sonst halt Studentinnen mit "Atomkraft, nein danke"-Buttons und ähnliches Mainstreampublikum.

Im Hotel dann eine Überraschung. Zwei Bücher im Schrank! Das Neue Testament hatte ich erwartet, aber was war das andere? Bestimmt ein Koran.

Nö, "Die Lehren Buddhas" (oder so ähnlich) warteten auf Leser. Ähm, ich hab nicht reingeguckt, aber meine bessere Hälfte war interessiert. Nuja, Buddha hat wohl was gegen Körper, Fleischliches und anderes was Spaß macht. Ist nix für uns, kann wieder in den Schrank. Buddhisten werden wir wohl nicht werden.

Früh dann übermüdet in Rom aufgeschlagen. Vorm Termini siehts aus, als hätte Berlusconi Sonderzüge direkt von Lampedusa aus durchfahren lassen. Dazu noch Bartmenschen in weißen Gewändern mit Häkelkäppi. Na toll. Und gerade war ich auf den letzten Seiten von Jean Raspails "Heerlager der Heiligen". Hm, eine Vision?

Naja, in Rom selbst (also der Kulturmetropole des Abendlandes) sah es aber dann doch wieder anders aus. Eigentlich wie bei meinem letzten Aufenthalt dort, nur schien es mir voller und lauter zu sein, was aber durchaus daran liegen könnte, dass ich diesmal selbst nüchterner und stiller als beim letzten mal war.

Es war aber auch der Tag nach der Seligsprechung Johannes Pauls des Zweiten. Dementsprechend zogen noch viele polnische Reisegruppen umher, alles war voller Papstbilder (momentan ist Benedikt XVI sehr unterrepräsentiert) und jede Menge Priester und Mönche waren unterwegs. Alles in allem scheint die christliche Kultur doch noch jede Menge Anhänger zu haben.

Auffallend war die massive Präsenz von Militär, Polizei und Carabinieri, auch durchaus mit MPi und Sturmgewehr. Keine Ahnung ob das mit dem Tod Bin Ladens, oder mit der Seligsprechung Johannes Pauls zu tun hatte, aber eine Menge Uniformen und Fahrzeuge waren zu sehen. Auch jede Menge Feuerwehr.
Überhaupt, wieviele unterschiedliche bewaffnete Einheiten unterhalten die Italiener eigentlich? Da scheint ja eine Menge Volk nur damit beschäftigt zu sein die Staatsgewalt zu repräsentieren. Irre. Kein Wunder, dass die ein Problem mit der Staatsverschuldung haben.

Tja, ansonsten gibts in Rom gefühlt mehr Deutsche als in Nord-Neukölln, und sowohl der Rest der Multikultur, als auch der römische Verkehr gefallen mir sehr gut. Ich mag die italienische Art des Autofahrens einfach. Sieht erstmal kompliziert aus, aber einfach nur dem gesunden Menschenverstand zu folgen (fahre keinen um), finde ich unkomplizierter als auf festgeschriebenen Regeln zu beharren, .

Überhaupt, Regeln. Es gibt weder eine sichtbare Art der Mülltrennung, noch ein Dosenpfand. Das finde ich einfach und sympathisch. Merkwürdig allerdings, dass man wenigstens im Hotel auch Energiesparlampen in die Fassungen geschraubt hat. Da steht man im Badezimmer auch erstmal einige Sekunden im Dämmerlicht. Nuja.

In Erinnerung geblieben ist mir ein koffertragender Tourist in einer Parkanlage, der mittels ausgerissener Prospektseite versuchte sein Hotel zu finden. Er sprach uns an (als ob wir aussahen, als hätten wir Standortahnung), ob wir nicht helfen könnten. Konnten wir aber dank Navi dann doch. Erst auf Radebrech-Englisch, bis er uns als Deutsche identifiziert hatte. Dann ging es einfach.

Er war Flame. "Kennen sie Flandern?" Ja, klar! Belgien! Ihr lebt ohne Regierung, ihr Glücklichen! "Ach, Belgien ist ein kafkaeskes Gebilde. Von außen kann man sich das nicht vorstellen, aber eigentlich ist das Land schon längst inexistent. Es gibt Flandern, und die Wallance, ein bisschen deutsch ... und Brüssel. Brüssel ist ... (Das kann ich nicht wiedergeben, aber wir waren uns einig. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen)".

Ein sympathischer Kerl.

Was gab es sonst noch? Menschen, jede Menge Volk aus aller Herren Länder. Busse, vollgestopft wie Tokioter U-Bahnen. Smarte Anzugträger, die jung aussehen wie aufstrebende Anwälte, und in fortgeschrittenem Alter nicht mehr einzuordnen sind ob sie nun Mafioso oder Politiker sein könnten. Straßenhändler, bei denen ich mich frage, ob irgendwann mal jemand bei denen eine Sonnenbrille oder Louis Vuitton-Tasche kauft; Business-Women auf Mopeds, überhaupt Roller in exorbitanten Mengen, und ... naja, Rom halt. Viel zu viel steinerne Geschichte um es überhaupt fassen zu können.

Ach, eine Anti-Atomkraft-Demo hab ich auch gesehen. Etwa zwanzig Leute mit Fahnen, Tranparenten und den üblichen Staubschutz-Einmaloveralls (plus evtl. Atemschutzmaske) ... sowie doppelt soviele Medienmenschen um einen anscheinend "Offiziellen" herum.
Nuja, sie haben die Gasse versperrt, durch die ich durch wollte. Da musste ich halt über ihr ausgelegtes Großstransparent drüberlatschen. Fand ich aber gar nicht schlimm. ;-)

Alles in allem: Rom - gerne wieder, aber die nächste Reise geht erstmal irgendwo aufs Land.