Sonntag, 7. August 2011

Wo sind all die Fachkräfte hin, wo sind sie geblie-hie-ben?

Unter der Meta-Überschrift "Die verbildete Republik" hat Gerd Held auf Welt Online einen Artikel veröffentlicht in dem er die fehlende Lust an "harten Fächern", am "sich anstrengen wollen" kritisiert, und für den hierzulande herrschenden Mangel an naturwissenschaftlich-technischen Berufseinsteigern verantwortlich macht.

Da wird er schon in Teilen Recht haben. Ich finde es, soweit ich das von außen beurteilen kann, auch befremdlich, wie Schule immer mehr zur Bildungsanstalt für beliebigen Durchlauf mutiert. Wichtig scheint mir für Schulen und Bildungspolitiker vor allem zu sein, dass möglichst viele Schüler irgendwie durchgeschleust und mit einem nominell hochwertigen Abgangszeugnis versehen werden. Quotenerfüllung soll Qualität suggerieren, und mit einem mehr an Abiturienten und Studenten beweist sich die Bildungsbürokratie, dass sie ihren Teil zur Wissensgesellschaft beiträgt. Nur kommen die erwachsen gewordenen Ergebnisse des Politikfelds Bildung nicht dort an, wo man sie gebrauchen könnte.

Held konstatiert :
Es gibt also nicht zu wenig Bildung, sondern offenbar die falsche Bildung. 
und
Der wachsende Komplex „Kultur und Soziales“ passt eher zu jener betreuten Erlebnisgesellschaft, die inzwischen auch die CDU/CSU für die höchste aller Gesellschaftsformen hält.
Zettel ergänzt das  in seinem Raum noch durch die Feststellung, dass naturwissenschaftlich-technische Berufe in unserer Gesellschaft nicht mehr den idellen Stellenwert haben, der ihnen aus Sicht der Wertschöpfung gebührt. Zitat:
Physik? Igitt, das hat doch mit Atomen zu tun. Chemie? Ist schlecht in Lebensmitteln, bläst Gifte in die Luft. Mathematik? Versteht kein normaler Mensch.
und
Gut ist sanfte Energie, ist das leichte Essen, ist die Theologie der Nettigkeit, wie Margot Käßmann sie perfekt personifiziert; gut ist ist das Schonende, das Gefühlvolle, das Intuitive und das Bauchgefühl. Schlecht ist das Harte, das Verkopfte, die "kalte Technik", der "gefühllose Umgang mit der Natur".
Auch das kann ich so unterschreiben. Aber auch wenn unsere Staatsbildungsfabriken, die Politik und der Kultursektor sich immer mehr in der Huldigung des Sanften, des Öko- und Biologischen, sowie des Sozialen ergehen, sehe ich keinen Run auf den Beruf des Försters, des Schäfers oder des Landschaftsgärtners. Klar, es strömen mehr Mädchen in nun akademische Sozialberufe, wählen die Biologie, das Lehramt, oder sie wollen Tierärztin werden. Aber wo bleiben da die Jungs?

Männer und Technik gehören doch immer noch zusammen denke ich, aber kann es sein, dass nur die Art der präferierten "Meisterschaft" sich etwas gewandelt hat? Nicht mehr die Erhebung über die Natur, sondern eher die Technik der Macht über Daten, Geld und Menschen als erstrebenswertes Ziel?
Welche Bedeutung haben denn Politikwissenschaften, BWL, VWL, Journalismus, Public Relations und Mediendesign außer der Machterlangung über Menschen und deren Handlungen?

Okay, aber das nur am Rande. Die Ausgangsfrage war ja die, warum sich junge Leute nach der Schule nicht in den benötigten Größenordnungen für die MINT-Fächer entscheiden, obwohl doch gerade dort Fachkräftemangel herrscht, und diese Jobs auch nicht gerade schlecht bezahlt werden.

Gerd Held und Zettel haben ja schon beschrieben, was bildungsmäßig und gesellschaftlich bei uns schief, oder vielmehr nicht wie eigentlich gewünscht läuft. Ich möchte aber noch auf etwas anderes, viel näherliegendes hinweisen.

Es fehlt eventuell ganz einfach an entsprechenden Vorbildern.

Als Schulabgänger steht man ja das erste Mal in seinem Leben vor einer Entscheidung, die einen aus der gewohnten Herde herauslöst. Man muss für sich selbst einen Weg suchen, der den eigenen Fähigkeiten entspricht, der einen dorthin führen soll wo man später im Leben mal stehen möchte, der einen zwangsläufig von den bisherigen Schul- und Spielkameraden absentieren wird.
Man muss sich einen Weg suchen, klar - aber welchen?

Es ist zu entscheiden wie bequem der Weg sein soll, wie lohnend das Ziel erscheint, und vor allem, wie weit man sich damit vom bisher Bekannten entfernen möchte. Eine Frage der Orientierung also.
Und, wer gibt einem diese Orientierung?
Medien, Bildung und öffentliche Aufmerksamkeit natürlich. Klar, was ständig im Gerede ist, davon meint man am meisten zu wissen. Aber um wie viel wichtiger ist da doch das eigene Umfeld? Die Leute die man kennt? Eltern, Familie, ältere Freunde, Nachbarn vielleicht?

Der häufigste Berufswunsch bei Ghettokids soll ja Türsteher, Rapper oder Hartz IV sein. Ich selbst bin im Kraftwerk gelandet, weil ich bis zum zehnten Lebensjahr in einem Kraftwerksstandort gelebt habe und in meiner Familie viele in der Energiebranche gearbeitet haben. Da hatte ich ein Ziel, welches meinem Technikinteresse entgegenkam, und von dem ich schon einiges an Interessantem in Gesprächen aufgeschnappt hatte.
Bis zum Schulabschluss lebte ich dann "auf dem Lande", und, oh Wunder, die meisten meiner Schulkameraden dort zog es danach in landwirtschaftliche und handwerkliche Berufe.

Also, - kann es nicht einfach sein, dass der Mangel an naturwissenschaftlich-technisch sich betätigenden Vorbildern im Umfeld der Heranwachsenden Schuld daran ist, dass junge Menschen nicht mehr so häufig diesen Weg einschlagen? Ganz einfach weil dieser Abzweig relativ unbeleuchtet erscheint, während andere mit medialen Flakscheinwerfern bestrahlt werden?

Dazu kommt noch, dass jeder orientierungslose Jugendliche mit entsprechendem Abiturzeugnis, das Angenehme seine Schulzeit mittels eines Irgendwas-Studiums einfach noch um ein paar Jährchen verlängern kann. Dies dann auch noch mit dem Vorteil der nunmehr erlangten Volljährigkeit.
Lustig scheint das Studentenleben, vor allem auch im Gegensatz zum Ausbildungsberuf, der einen doch "nur" zum Facharbeiter macht.

Mich würde mal interessieren wieviele Leser mit einem MINT-Abschluss, oder einem technischen Beruf sich auch an Vorbildern aus dem persönlichen Umfeld orientiert haben.

Kommentare:

  1. Direkten persönlichen Einfluß vielleicht weniger, aber starkes privates / theoretisches Interesse plus gesellschaftliche Wertschätzung: DDR / Naturwissenschaften.

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  2. Vielleicht hebe ich ja in dem Artikel wirklich zu sehr auf eigene Erfahrungen (DDR und persönliches Umfeld) ab.
    Bei mir war je zu Schulzeiten auch im Gespräch, ob ich nicht studieren wolle. Aber die einzigen Studierten die ich kannte waren Lehrer oder Ärzte. Und darauf hatte ich echt keine Lust. Hab mal kurz mit Geologie oder Archäologie geliebäugelt, hätte aber gar nicht gewusst wo man das studieren kann, und was man dann danach machen könnte.

    Hätte ich damals ein paar Ingenieure gekannt wäre mein Lebensweg bestimmt ein anderer gewesen.

    Bin so aber auch sehr zufrieden. :-)

    Beste Grüße, Calimero

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  3. Ob es nun an Vorbildern liegt, dass sich viele gegen naturwissenschaftliche Fächer entscheiden, kann ich nicht unterschreiben.
    Doch unter anderem kann ich aus Erfahrungen in meinem Bekanntenkreis herausfiltern, dass beispielsweise das Studienfach Chemie an vielen Standorten übermäßige Anforderungen stellt und nach dem 2. Semester kaum noch jemand übrig geblieben ist, der aus Interesse und Leidenschaft am Fach begonnen hat, sondern nur diejenigen, die exzessiv ihr Privatleben dem Studium geopftert haben.
    Dass da vielen die Lust vergeht, sich in diese Richtung zu begeben, kann ich mehr als nachvollziehen.
    Zudem verstehe ich nicht, warum man in eine berufliche Richtung gehen muss, die einem nicht liegt, keinen Spaß macht und nur mit den höchsten Aufwendungen vorhanden ist und einen in einen Beruf führt, den man nicht ausüben möchte, nur um den Fachkräftemangel zu beseitigen ;)
    Natürlich bekommt man vermutlich eher einen Job und verdient mehr, aber dafür dann sein Leben lang (vor allem wenn man das steigende Rentenalter betrachtet) einen Beruf auszuüben, der einen selbst nicht glücklich macht, finde ich doch sehr sinnfrei..

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  4. Liebes Irrsternchen,

    natürlich wäre es unsinnig sehenden Auges in einen Beruf einzusteigen, an dem man null Interesse hat. Sowas kann man sich gleich sparen, denn darin bleibt man eh nicht lange.
    Aber man muss auch bedenken, dass der Job einen mal ernähren soll. Das heißt, dass man als Fachkraft auch am Markt nachgefragt sein sollte, denn sonst wird man zum unbezahlten Hobby-Experten.

    Ob sowas dann auf Dauer glücklich macht, wage ich auch zu bezweifeln. Sie können sich ja mal dieses Akademiker-Gejammer durchlesen. Von Freude am Spaßjob erkenne ich da auch nicht mehr viel.

    Im Übrigen schätze ich mal, dass die anspruchsvolleren Fächer wesentlich stärker besucht würden, wenn man dafür entweder hohe Gebühren zahlen, oder halt ein Begabten-Stipendium ergattern müsste. Ist auch eine Prestigesache. Das aber nur nebenbei.

    Jedenfalls ist es merkwürdig, dass hier das Anreizsystem über später erwartbaren hohen Verdienst augenscheinlich nicht mehr funktioniert. Dass so viele Abiturienten den Anforderungen eines MINT-Studiums nicht mehr gewachsen sind, möchte ich nicht glauben. Die Leute sind doch nicht dümmer geworden, oder?

    Beste Grüße, Calimero

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  5. "später erwartbaren hohen Verdienst" - guter Witz!
    Die lächerlich geringen Einkommen von Ingenieuren sind meiner Ansicht nach der Hauptgrund für irgendwann entstehenden Fachkräftemangel. Warum so ein hartes Studium durchziehen, wenn man mit 50% des Aufwandes 200% des zu erwartenden Einkommens erzielen kann? Das ist eine einfache Rechnung. Derzeit haben wir aber noch gar keinen Mangel. Das ist ein Mythos der Industrie um an billige Fachkräfte zu kommen. Im Zweifel aus dem Ausland.

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  6. Lieber klopps,

    ich habe mir jetzt mal diese Übersicht angeguckt, und finde die Ingenieursgehälter jetzt nicht unbedingt soo brutal niedrig.
    Aber okay, wenn man woanders mit dem halben Aufwand das Doppelte rauskriegen würde wäre das schon sehr mies.

    Zum Vergleich habe ich mir mal diese Tabelle rausgesucht. Da finde ich jetzt auf die Schnelle aber auch kaum einen Job, in dem man als Einsteiger auf das Doppelte kommt. Chirurgen, ja ... aber sonst?

    Die Frage ist also, mit welchem Larifari-Blümchenfach man ohne größere Anstrengungen einen Job bekommt, der wesentlich besser vergütet wird als der eines (offensichtlich stark nachgefragten) Ingenieurs/Technikers/Facharbeiters.

    Vielleicht stimmen die Tabellen auch nicht allumfassend, aber soweit ich das aus meinem Umfeld kenne passen die Zahlen ganz gut.

    Beste Grüße, Calimero

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  7. Nun, man sollte sich als Geisteswissenschaftler natürlich auch bewusst sein, dass der Markt überschwemmt wird.
    Ich habe Glück, kann mich vermutlich nach meinem Geschichtsstudium in eine Ausbildung zur Archivarin retten und diesem Rummel entgehen.
    Aber grundsätzlich lautet auch da die Devise: Wo es viele Bewerber gibt, muss man selbst eben besser sein.
    Meine Eltern waren immer der Meinung: Wer mit Leidenschaft eine Sache angeht wird auch besser sein als diejenigen, die das nur aus Langeweile gewählt haben. Somit könnte man weiter den Schluss ziehen: Auch hier ist ohne Anstrengung nichts zu erreichen. Nur dass die Anstrengung weniger als solche verstanden wird, weil es ja Spaß macht. Um auf meinen vorherigen Beitrag zurückzugreifen: Wenn die Bedingungen nicht unverhältnismäßig hoch sind, kann das auch in einem naturwissenschaftlichen Fach in der Art gelten.
    Nebenbei: Im einem Fh- Studiengang für Energie- und Ressourcenmanagement in Wiesbaden wird nun ein NC eingeführt, weil so viele in diese Richtung streben. Hier kann man schon davon reden, dass dies zum einen durch die guten Zukunftsaussichten in dem Bereich hervorgerufen wird, zum anderen aber auch mit den Gehaltsschancen zusammen hängt, da es auch ein Ingenieursstudiengang ist. Von den falschen Erwartungen vieler "Ökos" mal abgesenen, die recht früh wieder gehen weil sie im Lesen des Modulplans über Umweltrecht nicht hinausgekommen sind und daher übersehen haben, dass man auch mit Mirkobiologie und Elektrotechnik zu kämpfen hat ;)
    Insofern scheint es da doch noch Potential zu geben, naturwissenschaftlich interessierte und ambitionierte Schulabgänger zu binden. Warum das in "altbewährten" Bereichen nicht funktioniert, ist dadurch natürlich nicht beantwortet.

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  8. Offensichtlich sind die "sanften" Fächer weitaus "lukrativer" und wenn man sich so mal durch das Fernsehprogramm liest, dann muss man wohl irgendeineine Sozialwissenschaft, Krankheit oder "Unrecht" studieren. Dann bekommt man auch eine Stelle in eine Runde wo Technik im Mittelpunkt steht und nennt das Ganze "Ethikkommission". Die Ethik ist wohl etwas "pervertiert", nach dem Motte Ethik ist der K(r)ampf gegen Naturwissenschfat und Technik. Und deren Pamphlete müssen auf einem super netten Apple "was-weiss-ich" geschrieben, getwitter und/oder sozial verbreitet werden.

    Außerdem sieht man doch auf staatlicher Seite ist Realitätsausblendung "richtig" und mit netten sozialen Utopien wird man ja wohl mal in der Lage sein die "richtige" Art von Menschen zu "erziehen"

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  9. Moin Calimero,

    zu deiner Frage, ich habe Ausbildung (Radio- Fernseh-Techniker und Studium (E-Technik). Persönliche Vorbilder habe ich nicht gehabt, habe mich aber immer für Technik und Naturwissenschaft begeistert. In meiner Kindheit (60er, 70er) hatte Technik und Industrie m.E. auch in der BRD noch einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert, das spiegelte sich z.B. auch in entsprechenden Kinder/Jugendbüchern wieder.

    Die heutige Gesellschaft hat offensichtlich vergessen, dass sie ihren gesamten Wohlstand Naturwissenschaftlern und Technikern verdankt. Technik macht böses Atom, böse Autos und überhaupt Gaia ganz traurig. Techniker sind skrupellose Wesen, die alles kaputtmachen und dann noch alles vertuschen.
    Warum also sollte sich jemand die Mühe machen, ein relativ schweres Studium zu absolvieren, wenn er dafür weder besonders gut bezahlt wird, noch gesellschaftliche Anerkennung bekommt.
    Ich würde jedem technikinteressierten jungen Menschen raten, mach eine Ausbildung dann evtl. noch ein passendes Studium und dann geh in ein Land, wo man noch Techniker fragt, wenn es um technische Probleme geht.
    Zu der Bildungsfrage, ja das Niveau ist gesunken, sowohl was die Schulabgänger angeht, als auch was das (technische) Studium angeht. Ich arbeite an einer FH, und bin mit meinen Beobachtungen nicht alleine.
    Das liegt zum Teil an den politischen Vorgaben: Mittelvergabe nach Anzahl der Abgänger - Quantität statt Qualität.

    Im Übrigen finde ich deinen Blog ganz klasse und habe auch als E-Techniker noch einiges gelernt, mit Energieerzeugung hatte ich nie was zu tun.

    Grüße,
    dieter

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  10. "Welche Bedeutung haben denn ... VWL ... außer der Machterlangung über Menschen und deren Handlungen?"

    Wenn das stimmt, muss ich irgendwas falsch machen.

    Scherz beiseite, ich hatte mich nach der Schule fuer ein Studium der Elektrotechnik und Informationstechnik entschieden, ein Bereich, den ich auch jetzt noch hochinteressant finde.
    Allerdings habe ich erst in der 12. Klasse angefangen, Mathematik zu lernen, da war dieser Schritt einfach zu gross... auf Grund der Risikominimierung (nach 3 Semestern exmatrikuliert werden) hab ich es dann nach einem halben Semester gleich bleiben lassen.

    An der TU Muenchen sassen uebrigens ca. 300 Studenten in den Erstsemestervorlesungen... Anzahl der Frauen: 1.

    Geldprobleme hat man mit dem Abschluss keineswegs: Ein Bekannter hat etwa gleichzeitig E-Technik and der FH Muenchen studiert und hat direkt nach dem Studium bei BMW angefangen, Einstiegsgehalt: 60.000 Euro. Die Knappheit macht's, denn: Ich vermute dass von den 300 Erstsemestlern and der TUM gerade mal 150 den Abschluss gemacht haben; 300 Absolventen / Jahr ist laecherlich fuer eine Stadt wie Muenchen.

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