Sonntag, 3. Juli 2011

Haben sie schon ihren Pinnbrief erhalten?

Im allgemeinen habe ich mit Staatsbürokraten nicht allzuviel zu tun. Wir gehen uns sozusagen, mehr oder weniger, aus dem Weg.
Das funktioniert eigentlich auch ganz gut mit diesem gebührend kritischen Abstand, denn sonst würden wir uns wahrscheinlich dauernd Bösartigkeiten an den Kopf werfen, was ja nun nicht so günstig für ein gedeihliches Nebeneinander wäre.

Während ich hier also anonym im Internet rumkritisiere, und aufzuzeigen versuche, dass die politischen Taktgeber der Behördengaleeren in meinen Augen großteils Pfeifen sind, geht die Staatsgewalt mir aus dem Wege, indem sie mir vor allem von anderen in die Taschen greifen lässt (Einzelhändler, Tankwart, mein Lohnbüro z.B.). Einmal jährlich will ich dann was von meiner Kohle zurück haben, und das war es auch schon mit unserer Interaktion.

Tja, aber manchmal muss ich auch in einen staatlichen Bürokratenbunker.

Gut finde ich das nicht. Findet wohl auch sonst keiner von den mit mir Wartenden. Obwohl ... hinter der Bürotür die dort im Minutentakt auf und zu geht, gibt es anscheinend "Geld vom Amt". Steht jedenfalls dran: "BaFöG-Stelle".
Okay, Geld vom Amt habe ich noch nie bekommen. Wenn, dann wollen die was von mir. Für Polizei-Fotos beispielsweise, aber darum geht es heute nicht. Diesmal geht es um Ausweisdokumente.

Japp, ich stand da vor meinem Rom-Trip letztens am Airline-Schalter und die nette Dame machte mich darauf aufmerksam, dass mein Ausweis im Januar abgelaufen wäre. Verdammich! Trotzdem durfte ich gerade noch so mitfliegen, aber ich solle mir schnellstmöglich neue Ausweispapiere besorgen. ( - Man wäre versucht zu sagen "Schengen sei Dank", aber ohne diese Freizügigkeit hätte ich meine Papiere vor Reiseantritt auf jeden Fall noch einmal kontrolliert.)

Gut, nun sitze ich hier und warte darauf vorgelassen zu werden. Meine Nummer erscheint und ich sitze jetzt einer sehr netten, tätowierten Mitarbeiterin gegenüber.
"Ob ich auch einen Reisepass benötige?" Klar doch, der steht doch angeblich jedem zu, der hier ein paar Jahre neben der Gesellschaft her gelebt hat. Hatte ich immer, steht mir zu, will ich wieder.
"Gut, dann bräuchte man auch meine Fingerabdrücke." (Mein gerade geschossenes Passbild, nicht älter als drei Monate(!), hat ja schon diverse andere biometrische Daten meiner Gesichtsphysiognomie gespeichert.)
So sei es also. Fingerkuppenscan, ein paar Unterschriften, 85 Euro auf den Tresen - und jetzt die alles entscheidende Frage: "Ob ich denn auch die neuen elektronischen Ausweismöglichkeiten nutzen wolle?"

Nö.
"Oh, wenn sie das jetzt nicht beantragen, dann müssen sie es später zusätzlich freischalten lassen, und dann extra bezahlen!"
Ich glaube kaum, das ich das brauche.
"Naja, noch vielleicht nicht, aber damit wird der E-Perso dann zukunftssicher!"

Ich sage ihr jetzt nicht, dass ich unsere Bürokratie zwar für kreativ genug halte, für alles ein passendes Formular zu erfinden, ihr aber absolut null Kompetenzen zutraue, wenn es um online-Funktionalitäten geht. Hier kann man sich mal durchlesen wieviel Ahnung die ministerialen Internet-Stoppschild Erfinder vom Web haben, die Errichtung einer IT-Infrastruktur für die Bundeswehr ist auch schon jahrelang eine regelrechte Misserfolgsstory, ich erinnere mich an das Toll-Collect Desaster und habe noch Anderes innerlich schmunzelnd im Hinterkopf.

Nein, ich brauche das wohl nicht, weil ich mir vorher mal die Liste der Teilnehmer am E-Perso Projekt angesehen habe. Davon brauche ich jetzt nichts, und ich denke auch nicht, dass da noch allzuviel sinvolles dazu kommen wird.
Die tätowierte Amtlerin ists nun endlich zufrieden, und ich kann gehen.

Ein paar Wochen später erhalte ich eine SMS vom Amt (!) - immerhin das funktioniert schon - und soll mir meinen Reisepass abholen kommen.

Wieder zweieinhalb Stunden Wartezeit, wieder klappt nur die BaFöG-Tür regelmäßig auf und zu. Dann bin ich dran und nehme meinen neuen Pass entgegen.
Die Mitarbeiterin (älter, untätowiert) ist so freundlich und bietet mir an, auch gleich mal nach den frisch eingegangenen Ausweisen zu gucken. Kann ja sein, dass meiner auch darunter ist.

Er ist es! Sehr schön, prima ... muss ich nicht nochmal her. Sie fragt mich jetzt allerdings, ob ich schon meinen Pinnbrief bekommen hätte. Meinen Pinnbrief? Was soll das denn sein?
Na, der Brief mit meiner PIN-Nummer für den E-Perso. Ähm, weiß ich nicht. Vorhin war keiner da, aber ich habe diese Funktionalität doch auch gar nicht bestellt?!

Naja, wenn sie mir jetzt den Ausweis gäbe, und ich noch keinen PIN-Brief bekommen hätte ... also falls der verloren ginge, und ich keinen bekäme ... dann könnte ich das Amt aber dafür nicht mehr verantwortlich machen, wenn ich jetzt einfach so mit dem Ausweis verschwinden würde.

Oh ... ja - also dieses Risiko bin ich bereit einzugehen. "Wirklich, sicher?" Ähm ja. Ich hatte sowas nie bestellt, und ich halte das Projekt auch für eine bürokratische Totgeburt.
"Oh!" Seitenblick zur Kollegin, hochgezogene Augenbrauen, und sichtliches Erstaunen über meine Ignoranz der hoheitlichen Innovation gegenüber. "Totgeburt? ts ts ts..."
"Na, wie sie meinen - aber dann unterschreiben sie mir das bitte mal hier. Hier, irgendwo. Für soetwas haben wir gar keine Formulare."

Ich darf endlich mit meinen zwei Papieren abziehen.

Zwei Tage später habe ich auch den PIN-Brief im Briefkasten, dessen amtliche PIN-Nummer immer noch ihrer "Freirubbelung" harrt.

Und gestern lese ich nun mit durchaus schadenfrohem Amüsement diesen Artikel auf Welt-Online. Um es mit Nelson Muntz zu sagen: Ha ha!
Wenn diese Kopfgeburt nicht bloß schon wieder so teuer gewesen wäre. 50 Millionen Euro versenkt? Na klasse. Einen Gutteil des E-Perso-Desasters geht sicherlich auch auf die Kappe von Ignoranten wie mir, aber wenn ich sowas lese:
Jetzt die sechsstellige PIN eingeben. Und schon – endet das digitale Zeitalter. Dann nämlich kramt ein Beamter in Flensburg die Akte hervor und setzt ein Standardschreiben mit dem Punktestand auf.
oder sowas:
Acht Monate nach der Einführung bleibt der E-Perso ein Ladenhüter. Nicht einmal 50 Behörden und Unternehmen haben sich bis dato zumindest das formale Recht gesichert, die Online-Ausweisfunktion zu nutzen. In fast allen Fällen ist es dabei geblieben. 
dann scheint es mir doch so zu sein, dass da mal wieder eine Behörde total modern sein wollte, sich damit aber in ein Feld begeben hat dass nicht das ihre ist. Eine ministerialbürokratische Kopfgeburt halt. Nutzt keiner, braucht keiner, will niemand wirklich.

Keiner? Doch! Versicherungskunden, die sich online darüber informieren wollen, wieviele Policen sie bei ihrer Versicherung abgeschlossen haben. Es sind nun wohl aber auch nicht unbedingt sooo viele:
Seit Jahresbeginn, so gibt eine Sprecherin mit leichtem Widerstreben in der Stimme Auskunft, sei die Perso-Funktion von 22 Kunden genutzt worden.
Ist das nicht großartig?

Kommentare:

  1. Ich versteh den Personalausweis-Fetisch der Deutschen sowieso nicht.
    In Ö. gibts zwar auch Personalausweise, aber ich kenne keinen einzigen Menschen der einen hätte.
    Bei uns reicht ein "amtlicher Lichtbildausweis", normalerweise Führerschein oder Reisepass.

    AntwortenLöschen
  2. Nuja liebe(r) S.,

    hier in Deutschland braucht man den Ausweis z.B. um seine Post entgegennehmen zu dürfen. Da geht weder Reisepass noch Führerschein, weil da keine Adresse drinsteht.
    Klingt komisch, ist aber so. Bekloppt, ich weiß. :-(

    Beste Grüße, Calimero

    AntwortenLöschen
  3. S.: In Deutschland herrscht halt Ausweispflicht. Zum Glueck sind sie noch nicht auf den Trichter gekommen, die Mitfuehrpflicht allgemeinverbindlich zu machen.

    AntwortenLöschen
  4. Hatten wir schon ...

    AntwortenLöschen