Mittwoch, 27. Juli 2011

Neuer Trend zur Paarbildung

Also ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob das wirklich ein neuer Trend ist. Vielleicht gab es das früher auch schon und war eventuell normal, aber mir kommt es so vor, als wäre es eine Modeerscheinung die erst in den letzten Jahren verstärkt auftritt.

Die Rede ist von der sogenannten "Doppelspitze", die jetzt also auch bei der Deutschen Bank installiert wird. Eben war noch von den Problemen mit einem solchen Konstrukt beim Focus die Rede, worauf dieses auch gerade eben wieder abgeschafft wurde.
Beim Spiegel hat man das ebenfalls schon hinter sich, aber anscheinend lernt man nichts daraus. Das neueste Beispiel zeigt dies ja.

Zum ersten Mal hörte ich von einer solchen Führungskoalition, als der Stern plötzlich zwei Chefredakteure hatte. Da schrieb halt jede Woche mal der jeweils andere den Leitartikel, mehr bemerkte man davon nach außen hin nicht. Aber wie mag das wohl im Inneren aussehen?
Heißt es da "diese Woche kommst du früher und kochst schonmal den Kaffee, nächste Woche bin ich dann dran", oder hat jeder da abwechselnd mal eine Innendienst- und eine Außendarstellungswoche?

Wie kommen die Mitarbeiter damit klar? Muss man sich das vorstellen wie als Kind bei Vater und Mutter? Erlaubt mir der eine was nicht, gehe ich mal beim anderen betteln? Muss ich mich bei beiden einkratzen, oder kann ich sie gegeneinander auspielen?
Also sorry, das kommt mir irgendwie nicht so praktikabel vor. Vor allem können Doppelspitzen doch wohl nicht den Grundsatz aushebeln, dass, je mehr Leute verantwortlich sind, desto weniger Verantwortung übernommen wird, oder?

Aus meiner Sandkastenzeit kenne ich das noch, wo immer die Dominantesten "der Bestimmer" sein wollten. Bevor man sich dann gegenseitig die Schäufelchen über die Birne zog, gab es auch durchaus mal den Kompromissvorschlag, dass "wir auch beide Bestimmer sein könnten". Kinder halt.

Aber bei Wirtschaftslenkern sollte man solchen Rivalitäten doch aus dem Wege gehen können, indem der Chef jeweils fremdbestimmt wird. Haben jetzt also die Aufsichtsorgane auch Angst davor, irgendwen zu benachteiligen? Wenn sie nur einem den Vorzug geben, dass der andere dann das Weite sucht?
Ja gut, damit muss man dann halt leben können. An der Spitze ist es nunmal einsam, also so sollte es jedenfalls sein. Man kann ja nicht jedes potente Alphatier auf den Thron setzen, nur damit sich keiner beleidigt zurückzieht. Wie sollte es denn auch funktionieren, wenn plötzlich immer mehr Häuptlinge den Restindianern vorgesetzt werden?

Also ich denke, dass dieser Trend zur Doppelspitze irgendwie infantil ist, wie ja das Sandkastenbeispiel zeigt. Nicht umsonst wurde diese Art der Machtverteilung von der kindischsten Partei Deutschlands, den Grünen, auch in der Politik eingeführt.

Macht kann man ja verteilen, sollte man in einer Demokratie ja auch, - aber Verantwortung ist nunmal unteilbar. Bei mehreren Machtpolen muss man halt auch mit konkurrierenden Interessen leben, nur bei diesen Doppelspitzen ist das ja gerade nicht erwünscht. Da geht man einfach den Weg des geringsten Widerstands, und setzt halt gleich zwei Alphas die Krone auf. Friede - Freude - Eierkuchen.

Man kann das machen. Man kann dann anschließend abwarten, wer sich im internen Machtkampf durchsetzt, weil der andere sich genug verschlissen hat und aufgibt. Das zerschossene Porzellan im Laden, welches aufgrund divergierender Loyalitäten zurückbleibt, muss man dann allerdings auch inkauf nehmen. Ist es das wert?

Mein Eindruck ist, dass dieser Trend auf unsere zunehmende Angst vor klaren Entscheidungen zurückzuführen ist. Bloß keine Konflikte schüren, niemanden benachteiligen, überall Konsens herbeiführen. Eine Quotenregelung auch für Zweitbeste.
Nur schafft man damit nicht die zugrundeliegenden Rivalitäten und Divergenzen aus dem Weg, - man kleistert sie nur oberflächlich zu. Fürs Publikum.

Btw - wenn bei solchen Doppelspitzen die Verantwortung geteilt werden soll, gilt das dann auch für das Salär der nunmehrigen Halbchefs? Diese Frage sollten sich gehaltzahlende Anteilseigner auch mal stellen.

Kommentare:

  1. Eine Doppelspitze, Pieck-Grotewohl nämlich, war schon zu DDR-Zeiten gute Tradition. Zu entscheiden hatten beide nix (das besorgte Ulbricht), aber die beiden biederen Männer wirkten im Doppelpack einfach besser ...

    Oder denken sie an Stan Laurel und Oliver Hardy — da war einer allein ja nicht mal das halbe Vergnügen, oder?

    Btw - wenn bei solchen Doppelspitzen die Verantwortung geteilt werden soll, gilt das dann auch für das Salär der nunmehrigen Halbchefs?

    Also das geht nun gar nicht! Das doppelte Vergnügen muß uns schon was wert sein ...

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  2. Ich würde das nicht so schlimm sehen. Bei einem so großen Konzern, kann man sich die Arbeit gut aufteilen, zumal ja bei den beiden Herren jetzt schon abzusehen ist, wer da für die Lobbyarbeit und wer für die Zahlen zuständig sein wird. Ansonsten wird auch ganz gerne überschätzt wie viel die alleinige Spitze jetzt wirklich zu sagen hat, da hängt ja noch ein Vorstandsgremium und sicherlich auch ein Aufsichtsrat (der sich natürlich niemals in die Tagespolitik des Konzerns einmischt) mit dran. Die Deutsche Bank hat das früher schon gemacht, es ist also auch kein "neues" Phänomen. Ich denke man braucht eben beide (einen für die Politik, den anderen als Fachmann) und so kann man die halten. Einfach mal abwarten was passiert. Kann funktionieren, muss nicht. Wie bei jeder Besetzung.

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  3. Lieber HerrWinter,

    genau dafür gibt es gemeinhin einen Finanzvorstand, einen für Technik, einen für sonstwas etc.
    Das kann man beliebig aufbohren, keine Frage. Aber darüber sitzt im Normalfall einer, der den Hut auf hat. Beim Fußball gibt es auch keine zwei Trainer, allenfalls noch 'nen Co-Trainer, Merkel ist auch alleinige Kanzlerin mit einem Kabinett aus Fachverantwortlichen.

    Eine Spitze sollte halt m.E. auch eine Spitze sein und keine Gabel.

    Eine Ehe mag so funktionieren, aber auch nur, weil sich da zwei von selbst zusammengefunden haben. Sobald Zwei per Zwang zusammengesperrt werden funktioniert das System Gleichrangigkeit nicht mehr, da immer ein Pol dominieren will.

    So ist jedenfalls meine Meinung, die ja nicht richtig sein muss.

    Beste Grüße, Calimero

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  4. Erinnert diffus an DDR Strukturen: Verantwortlich und administrativ tätig ein Direktor, im Hintergrund mit Hammer der Parteisekretär. Ein Sowjetkonstrukt nach schwacher Erinnerung und vermutlich auch völlig unpassend.

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  5. Lieber Calimero,

    das kommt halt davon, daß man sich nicht entscheiden kann oder will. Solche Leute trinken auch immer Spezi und essen einen gemischten Salat ;-)

    Salü, Thomas

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  6. Ja, so kann man das auch sehen. :)

    Ich finde es einfach albern und halte es für eine dekadente Modeerscheinung. Die ALDI-Brüder wussten schon, warum sie sich lieber aufteilten und keine Doppelspitze bildeten.

    Beste Grüße, Calimero

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