Samstag, 22. Oktober 2011

Wer hier keine Wohnung hat, bezieht auch keine mehr

Bei der Bustour einer Immobilienplattform zu Wohnungen in acht Berliner Stadtteilen ist es vereinzelt zu Protesten gekommen. Die linksautonome Szene fühlte sich davon provoziert.
So die Berliner Morgenpost. Und was passiert, wenn sich die linke Szene Berlins provoziert fühlt? Wenn die Guten, die Hätschelkinder der Politik und ihrer auch zu großen Teilen bürgerlichen Eltern sich gestört fühlen?
Wegen der Proteste mussten die Besichtigungen von Wohnungen in der Schlesischen Straße in Kreuzberg abgebrochen werden.
Tja, da muss man sich dem Mob wohl beugen. Angekündigt waren ja Aktionen, man rechnete mit Störenfrieden. Mit solchen, die zum Beispiel "blank ziehen" (d.h. nackt in zu besichtigenden Wohnungen tanzen - haha, lustig), was anscheinend schon zur Normalität in der Hauptstadt gehört.
Nun gab es aber beschmierte Wände und ein bissl Diebstahl nebenbei. Wollte man damit den Veranstalter davon abhalten, derlei Events auch weiterhin anzubieten? Wollte man den Vermietern zeigen, dass die Szene es nicht wünscht, dass Wohnungen (leerstehende wohlgemerkt!) zahlenden Mietern offeriert werden? Oder wollte man den Interessenten damit zu verstehen geben, dass sie unerwünscht sind?

Im verlinkten Video bringt es eine "Aktivistin" auf den Punkt: "Man darf es nicht hinnehmen, dass mit der Tatsache, dass Menschen ein Dach über dem Kopf haben wollen Geschäfte gemacht werden".
Au weia, das sitzt. Da sind also Geschäftemacher am Werke. "Skrupellose" womöglich! Na, da muss doch was getan werden! Zivilcourage ist da gefragt! Es wird doch immer gefordert, dass gegen Geschäftemacher vorgegangen werden muss.
Und wer, wenn nicht couragierte Linke, tut denn schon wirklich was gegen diese ... diese Immobilienhaie vielleicht? Passt das Wort? Bestimmt doch.

Man muss sich diesen Fall mal reinziehen. Da suchen tausende Menschen täglich neue Wohnungen, und tausende Wohnungen suchen neue Mieter. Ich habe das ganze gerade selbst durch, und weiß wie nervend sowas sein kann. Ein Segen sind dabei die Immobilienplattformen im Internet, die einem wenigstens einen komfortablen Überblick übers Angebot ermöglichen. Trotzdem müssen Termine selbst abgesprochen und Fahrten organisiert werden. Nicht unbedingt einfach für berufstätige Menschen, und bestimmt besonders aufwändig für Leute mit eingeschränkter Automobilität.

Und da hat jetzt einer dieser Plattformanbieter eine, wie ich finde, tolle Idee, und fasst den ganzen Kram einfach mal als "Lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen" zusammen, und organisiert einen Kreuz- und Quer-Shuttleservice um Mieter und Wohnungen zusammenzubringen. Die unterschwellige Kritik meines Radiosenders dazu lautete "Aktion eines gewerblichen Anbieters". Ja, es hat nicht der Staat getan. Teufel aber auch!

Wie dem auch sei. Linke Gruppen fühlten sich provoziert - warum auch immer - und sie handelten dann entsprechend ihrer Agenda. Sie kennen es ja so. Diese Art des "die Dinge selbst in die Hand nehmens" gehört ja schon seit Jahren zur nicht ernsthaft hinterfragten Folklore der Bundesrepublik.

Irgendwelche Heinis fühlen sich provoziert oder betroffen, sie sind besorgt, oder nicht einverstanden mit dem Handeln völlig fremder Menschen und ziehen daraus den Schluss, dass sie zum Eingreifen ermächtigt sind.

Bauer Lindemann bringt unerwünschtes Saatgut in seine Scholle? "Befreien" wir das Feld, d.h. zerstören wir, was uns nicht gefällt. Denn wir sind besorgt um die Reinheit der Pflanzen und die Volksgesundheit.
Es steht ein Mercedes in der Seitenstraße? Zünden wir ihn an, denn wir sind besorgt ums Klima und wollen kein Blut für Öl.
Irgendwer betreibt eine industrielle Anlage? Prangern wir das an, organisieren wir die Besetzung des Werktors. Wer mutig ist kann sich Zutritt zum Gelände verschaffen und Transparente anbringen. Wir haben ja Angst um die Umwelt.
Castortransporte rollen? Zerstören wir die Schienen, blockieren wir, treiben wir den Aufwand hoch. Denn wir haben Angst vor Atomen.
Deutsche Soldaten in Afghanistan? Warum nicht Brandanschläge auf Bahngleise? Es hängt doch eh alles mit allem zusammen.

Aber der Knüller, der diesem Treiben so eine Art gesellschaftliche Weihe verleiht, ist das Verbandsklagerecht. Damit bekamen genau solche Hyperaktiven, welche immer annehmen, dass ihre Meinung auch maßgeblich für die Allgemeinheit (gern "die Umwelt") ist, endlich die Möglichkeit sich wirksam gegen unerwünschtes Tun von anderen zu stellen, ohne dabei zu illegalen Mitteln greifen zu müssen. Und das sogar noch dort, wo man selbst nicht im Geringsten tangiert wäre. Wenn man vielleicht auch nicht alles verhindern kann, hat man so doch wenigstens die Möglichkeit Kompensationen und Zuwendungen (für sich selbst) zu fordern und zu bekommen.

Wo bleibt eigentlich der Verband der besorgten Altmieter (Ureinwohner)? Da könnten dann auch besorgte und sich provoziert fühlende linke Gruppen aus Freiburg gegen die Gentrifizierung in Berlin klagen.
Es würden keine Wände mehr beschmiert und Getränke geklaut, stattdessen bekämen die Freiburger dann vielleicht Ausgleichzahlungen für linke Wohnprojekte von den Berliner Vermietern? Vielleicht bekäme aber auch die linksautonome Szene ein Versammlungs- und Schulungszentrum mit genug "Dach überm Kopf" von einer Immo-Plattform finanziert?

Das ist doch alles nur noch irrsinnig. Unsere Gesellschaft nimmt es irgendwie halb klaglos hin, dass sich irgendwelche Wirrköpfe zu Sachwaltern einer angenommenen Allgemeinheit hochstilisieren, oder unterstützt diese sogar noch gesetzgebend dabei. Und der einzelne Vertreter der Allgemeinheit selbst ist so lange zufrieden damit, wie es ihn nicht selbst betrifft.
Diesmal hat es "geschäftemachende" Vermieter und Makler, sowie ihre potentiellen Kunden getroffen. Diesmal nur in Berlin. Wer wird der Nächste sein, gegen den sich die "Besorgten" und "Provozierten" wenden werden?

Und wann wendet sich die Gesellschaft mal gegen diese "Aktivisten", und zwingt die Politik somit zum beherzten, vielleicht vorausschauendem Einschreiten?

Ich glaube bald nicht mehr, dass sich in dieser Beziehung mal was tun könnte. Der Leidensdruck sollte eigentlich schon hoch genug dafür sein, aber es passiert ... genau ... nix.

Vielleicht müssen wirklich die Betroffenen selbst präventiv tätig werden, wenn Staat und Medien solcherlei Treiben höchstens mit scherzhaft erhobenem Zeigefinger beantworten, oder einfach unfähig sind, dem die nötige höchstkritische Aufmerksamkeit zu widmen.

Ich hätte da so eine Idee für Leute, die ihre Geschäfte und ihr Eigentum vor den immergleichen Aktivistengruppen schützen, oder diesen wenigsten den Spaß an der Sache verleiden wollen.
Es gibt ja gerade in den meist betroffenen urbanen Ballungsgebieten jede Menge junge Männer mit zuwenig zu tun, und sehr viel "Ehre" im Leib. Wäre ich an der Stelle eines "skrupellosen" Geschäftemachers, und hätte ich die Nase voll von den linken "Aktivisten", würde ich mal meine Fühler ausstrecken, ob ich nicht ein paar der Jungs aus diesem Pool für meine Zwecke einspannen könnte.

Wer vielleicht nicht gerade wegen wichtiger Türstehertätigkeiten verhindert ist, aber trotzdem genug sozialpädagogisch verordnete Kickboxstunden absolviert hat, sollte für solcherart Einsatzzwecke doch gut zu gebrauchen sein. Eine konservative Grundhaltung der südländisch sozialisierten Heißsporne, die der der linken Gruppen konträr entgegengesetzt sein dürfte, kann man schonmal annehmen. Dazu dann noch ein paar Wichtigkeit vermittelnde Klamotten im corparate identity Look spendiert, die für das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit sorgen sollen, eine Frage der Ehre und des angemessenen Soldes - und schon schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe.

Wenn sich diese beiden gesellschaftlich fast unantastbaren Gruppierungen auf solche (eventuell auch handfeste) Weise miteinander beschäftigen würden, wäre das doch durchaus mal eine kleine Ausgabe wert, oder?

Kommentare:

  1. calimero, deinem urteil, dass das alles nur noch irrsinnig ist, kann man nichts hinzufügen. leider.

    AntwortenLöschen
  2. Eigentum ist eben nicht mehr garantiert sondern nur noch Verhandlungssache. Oder anders herum alle Parteien nehmen eine Enteignung mehr oder minder stillschweigend in Kaufe. Das die Linken hier immer noch führend sind, kann man ja an Ihrem "programm "erkennen, demzufolge sollen ja alle Banken verstaatlicht werden. Soweit sind die anderen (noch?) nicht. Und Wahnsinn hatte in D immer schon Methode, heute genauso wie vor 70 Jahren.....

    AntwortenLöschen
  3. Es ist eine lange Tradition in D., daß das Eigentum zur Disposition Dritter steht. Auch der Art. 14 GG macht da keine Ausnahme. Schon die Aussage. Der Abs. 2 belegt das ganz eindeutig. Wäre Eigentum in Deutschland tatsächlich geschützt, hätten die Autoren des GG lediglich bei der Eidgen. Bundesverfassung (CH) abschreiben brauchen:

    Art. 26 Eigentumsgarantie
    1. Das Eigentum ist gewährleistet
    2. Enteignungen und Eigentumsbeschränkungen, die einer Enteignung gleichkommen, werden voll entschädigt.

    Anmerkung: "voll" heißt hier zum Realwert.In einer Demokratie bedarf es keines Romans wie Art. 14 GG hinsichtlich des Eigentums. Die Länge des Ramans bestimmt eher die Möglichkeit seiner Umgehung oder Aufhebung.

    Und das erklärt auch, warum selbst ehrliche Steuerzahler ihr bewegliches Eigentum lieber in der CH als in D. etablieren. Auch Grundbesitz (Acker, Bauland) kann man in einer Gesellschaft in CH bündeln, um es "ausländischer Besitz" werden zu lassen. Die Erfahrung zeigt, daß ausschließlich ausländische Enteignete (z.B. 1989/90) ihr Eigentum in der "DDR" zurückerhielten. Wer täte das im Vergleich beider Artikel also nicht auch, wenn er denn das Vermögen hätte? Nur (deutsche) Narren nicht.

    AntwortenLöschen
  4. Werter Calimero!

    Was die Unvereinbarkeit der beiden, von Ihnen oben erwähnten, handelnden Gruppen angeht: Können Sie sich nur eine Gegnerschaft ausmalen, nichts anderes? Gruß

    AntwortenLöschen
  5. Sie haben recht, was es das Recht der Vermieter, Makler und Wohnungsinteressenten anbelangt, so eine "Lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen" zu organisieren. Und dass gewisse "linke Zecken" kein Recht haben, eine solche Tour zu verhindern.

    Nur gibt das der anderen Seite ebensowenig das Recht, die Proteste der "linken Zecken" unter Anwendung körperlicher Gewalt - oder wie bitte sind sonst die "Kickboxstunden" zu verstehen? - zu verhindern. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat, und das aus gutem Grund. Soweit er davon nicht ausreichend Gebrauch macht, steht es Ihnen frei, das zu äußern oder durch eine Tätigkeit in der Politik (kleiner Tipp: Die Union ist ja demnächst in Berlin wieder wesentlich an der Regierung beteiligt!) auch direkt zu beeinflussen.

    Aufrufe zu körperlicher Gewalt "gegen Links" bringen hingegen nur eins: Krieg. Und den wollen wir alle nicht.


    Jag

    AntwortenLöschen
  6. Liebe(r) Jag,

    sie sollten das nicht so bierernst nehmen. Und schon gar nicht als Handlungsempfehlung an irgendwen.

    Ich fand lediglich die Vorstellung erheiternd, wie wohl eine Anti-Gentrifizierungsbrigade auf unerwarteten Widerstand seitens einer zum Schutze entschlossenen Migrantentruppe - nennen wir sie mal "Türsteherclique" - reagieren würde.

    Beste Grüße, Calimero

    P.S. Den beleidigenden Begriff "Zecke" werden sie bei mir nicht lesen. Nicht mal ironisch gemeint.

    AntwortenLöschen