Sonntag, 16. Oktober 2011

Occupy the occupiers

Als ich gestern erwachte, schaltete ich wie immer das Radio ein, und hörte zufällig zuerst die Inlandsnachricht des Tages.

"Tausende Menschen protestieren ... gegen die Banken ... in Frankfurt, Berlin, Hamburg"

Ohne weiter hinzuhören wusste ich, dass es sich bei diesen Protesten um linksorganisierte Veranstaltungen handeln muss. Erstens würden die Medien sonst nicht so enthusiastisch berichten, wenn sich Menschenmengen zusammenballen, und zweitens arbeitet man sich dort anscheinend wieder mal nur an Symptomen ab. Die bösen Banken! Na klar - DIE sind schuld! Müssen sie ja sein, in ihren Glastürmen, mit den ganzen anzugtragenden Besserverdienern ... diese Ausbeuter!

Grund zum Aufruhr hätten allerdings auch andere Bevölkerungsschichten, als nur die immer schnell zusammenzutrommelnden "Aktivisten" (so wurden sie im Radio genannt ... der dritte Grund, sofort auf linke Demonstranten zu schließen).
Aber eine begeisterte Meldung über tausende von Marktradikalen, die lautstark vor den Politikergarnisonen in Berlin, Paris und Brüssel, sowie vor der EZB in Frankfurt gegen die in der Sackgasse befindliche Geld-Planwirtschaft und ihre Hintermänner in der Politik protestieren, wird man auf diesem Kontinent wohl nie zu hören bekommen.

Begeisterte Medienbegleitung wäre sowieso nicht zu erwarten, weil da das bekannte Feindbild nicht stimmen würde. Mehr Markt fordern? Das können nur gefährliche Irre sein! Gegen etwas protestieren, das unter der sichtbaren Oberfläche für eklatante Fehlentwicklungen verantwortlich ist? Viel zu kompliziert. Sowas würde komplexes Nachdenken erfordern, oder gar die Hinterfragung des eigenen so einfachen Weltbildes. No way!

Na, und "tausende Marktradikale protestieren?" - kann sich das einer vorstellen? Ich nicht. Offensichtlich taugen die, die sich konsequent dem linken Mainstream verweigern (wenigstens hierzulande) nicht so recht zum Massenmenschen. Wie sollten auch jene, die in der Freiheit des individuellen Willens die Lösung für die Gesellschaftsprobleme sehen denn auch in einer Masse auftreten? Da wo nur die einfachste Botschaft, die klarste Ansage, die niederste Emotion und das Schuldigbleiben jeglicher stringenter Beweisführung zählen, da soll der reflektierende Individualist in einer Masse aufgehen? Wohl kaum.

Gleichwohl hätten gerade auch die Freunde des Kapitalismus viele gute Gründe für Protest. Protest gegen das Geldmonopol des Staates, welches keine (bessere) Konkurrenzwährung zulässt zum Beispiel. Protest auch dagegen, dass das staatliche Monopolgeld ausgerechnet auf der schlechtesten Basis, nämlich dem Rückzahlungsversprechen (sprich Schulden) von irgendjemandem aufbaut.
Protest dagegen, und Hinweis darauf, dass erst die selbstgemachten und geförderten Abhängigkeiten der Staaten von den Banken, diese zu den heutigen "systemrelevanten" Knoten im Weltfinanzgeflecht gemacht haben.

Es hat ja keiner die Staaten gezwungen, sich bei den Banken zu verschulden. Das hat man aber mit nur wenig reuiger Miene trotzdem jedes Jahr aufs Neue getan.
Eigentlich sollten die Steuergroschen der Bürger für ein funktionierendes Staatswesen ja ausreichen. Aber nein, man musste den Staat (fremdfinanziert) ja immer weiter aufblasen, die Bürokratie und deren Spielwiesen immer mehr ausweiten, ständig neue Handlungsfelder für sich beanspruchen und immer mehr Kompetenzen an sich reißen, die besser in Bürgerhand geblieben wären.

Nun hat man den Salat der hohen Staatsverschuldung. Aber weil der Staat ja mächtig ist, und die Regeln macht (auch machen soll), hat man Staatsanleihen einfach zu "risikolosen" Anleihen erklärt. Da musste keine Bank mehr gucken, ob sie sich so gewaltige Verbindlichkeiten überhaupt in die Bilanz holen sollte. Nö ... geht schon. Macht mal. Die Renten sind sicher! Einfacher kann man ja nun wirklich kein Geld anlegen. Ganz anders als beim unsicheren Kantonisten Realwirtschaftler. Das ist riskant, der kann mit seiner Unternehmung scheitern ... aber so ein Staat, der hat immer sichere Einnahmen, da braucht ihr nix mit Eigenkapital hinterlegen!

Sieht man ja, wie es funktioniert. Ganz hervorragend. Die Miniwirtschaft der hellenischen Fakelaki-Republik durfte sich so grandios übernehmen, und schon steht der von ebensolch "weitblickenden" Politikern geschaffene Esperanto-Papierwährungsraum des Euro kurz vor dem Kollaps.

Ja verdammt nochmal, sind denn da die Banken dran schuld? Klar, die haben die ganzen fragwürdigen Anleihen Griechenlands, Portugals und Spaniens aufgekauft. Die haben auch noch zugegriffen, obwohl Italien und Belgien schon bis über den Hals in Schulden steckten ... aber warum? Weil die Politiker als Regelmacher dies so wollten, förderten, forderten und die Risiken dabei stets kleinredeten. Wer hätte sich bei so "sicheren" Großgeschäften denn zurückhalten sollen?

Aber jetzt kommts richtig knallig. Während die Privatbanken, sofern nicht politikbeeinflusst, die Zeit nutzten und ihre Bilanzen bereinigten, haben die staatlichen, halbstaatlichen, oder politikhörigen Finanzinstitute (z.B. Frankreichs) den PIIGS-Schrott weiter behalten, und müssen nun um ihre Existenz bangen.

Und da trommeln nun attac, Grüne, SPD und Gewerkschaften ihre instant-empörten Anhänger zusammen um gegen "die Banken" zu demonstrieren? Gar Verstaatlichungen zu fordern? Gibt es noch größere Böcke als ausgerechnet Politiker, die man zu Gärtnern machen könnte? Das ist doch nun wirklich hochgradig absurd.

Trotzdem finde ich die Proteste gut. Die nichtlinke Fraktion bekommt den Hintern ja nicht hoch um sich zusammenzuschließen. Also sollte man das Aufbegehren gegen den Finanzwahnsinn als das nehmen, was es ist. Das Beste was wir haben. Der Anfang vielleicht.

Wer weiß, wohin das Ganze führt. Eventuell dreht die Kiste ja doch noch in eine andere Richtung. Die ersten Bürgerbewegten der Ex-DDR wollten auch noch einen "besseren, menschlicheren Sozialismus" in ihrem Staat. Rausgekommen ist am Ende der Anschluss ans "nichtsozialistische Ausland".

Vielleicht bringen die Proteste den einen oder anderen auch dazu, sich selbst Gedanken zu machen? Sich doch mit den wirklichen Hintergründen des ganzen Schlamassels zu beschäftigen, und zu erkennen, dass mit der einfachen Sündenbock-Sucherei nichts getan ist, wenn das politisch gewollte Papiergeld-Fundament einfach strukturell den Untergang eingebaut hat?

Gestern las ich irgendwo, dass einer der Redner, ich glaube in Frankfurt, die Rückkehr zum Goldstandard gefordert hat. Okay, das dürfte ein bisschen viel für die dem entwöhnte Masse sein, aber es zeigt, dass solche Bewegungen anfangs durchaus nicht homogen eingeschworen sein müssen. Mit Sicherheit laufen dort nicht nur stramme Rotbannerträger mit, sondern es trauen sich auch einfach besorgte Bürger zu solchen Kundgebungen, die um ihre Ersparnisse fürchten, und denen noch keiner gesagt hat, dass die Papiergeldmonopolisten auch mit ihren Versicherungen und Rentenanwartschaften ein staatliches Pyramidenspiel aufgezogen haben.

Da könnte also noch Platz für "die andere Sicht" sein. Ich würde hingehen.


P.S. In Halle wäre auch gern die Hölle los. Schöner Bericht von Politplatschquatsch: Occupy Staatskanzlei

Kommentare:

  1. Die "begeisterte Medienbegleitung" ist das eine. Noch mehr gestört hat mich allerdings die Werbung für diese Veranstaltungen viele Tage vorher.

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  2. "Vielleicht bringen die Proteste den einen oder anderen auch dazu, sich selbst Gedanken zu machen? ..."

    Sie sind ein Optimist. Ich fürchte eher, dass sich durch den Medienrummel nur die übliche Einheits"meinung" weiter verbreitet und festsetzt.

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  3. Ich dachte immer Du liest bei Zettel mit. Da gab es doch sehr einleuchtende Erklärungen, daß der Staat eben "kein Monopol" auf Geld hat, jeder hat die freie Wahl sein ganzes Geld in Biosprit, Gold, oder Sandkörner anzulegen.
    Nur wenn es um Steuern geht, mußt Du Deine Sandkörner wieder in Euros tauschen.
    Aber das ist doch nicht so schlimm, oder?

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  4. Ich erinnere mich an die Diskussion (die ja nun nicht von Zettel angestoßen wurde), und weiß, dass ich da doch recht staunend vorm Monitor saß.

    Einleuchtend war da für mich nichts, und für den größten Teil der Zimmerleute auch nicht.

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  5. Lieber Tolotos,

    ich bemühe mich, nicht zu pessimistisch zu werden. Gründe dafür gibts ja leider ausreichend in diesem Irrenhaus, aber die Hoffnung aufgeben sollte man nicht vollends.

    Beste Grüße, Calimero

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  6. "Nur wenn es um Steuern geht, mußt Du Deine Sandkörner wieder in Euros tauschen."

    Das war schon in Zettels kleinem Zimmer nur zur Hälfte richtig. Richtig ist, dass sich zwei Vertragsparteien, die sich einig sind, auf den Tausch von allen möglichen Dingen einigen können. Die Ablösung einer Geldschuld muss aber immer angenommen werden, wenn sie in Euro erfolgt. Mein deutsches Gegenüber kann nicht darauf bestehen, dass ich in USD zahle.

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  7. "....Aber nein, man musste den Staat (fremdfinanziert) ja immer weiter aufblasen, die Bürokratie und deren Spielwiesen immer mehr ausweiten, ständig neue Handlungsfelder für sich beanspruchen und immer mehr Kompetenzen an sich reißen, die besser in Bürgerhand geblieben wären."

    Gut beobachtet!

    "Wenn der Bürger vom Staate eine Mark fordert, um dies oder jenes Wünschenswerte zu realisieren, dann muß er wissen, daß dieser Staat ihm zuvor zwei Mark abgenommen haben muß, um ihm, dem Bürger zu entsprechen.

    Wäre es da nicht besser, der Bürger nähme diese zwei Mark selbst in die Hand, und begänne damit Wünschenswertes zu organisieren?"

    Zitat Ludwig Ehrhard aus dem Jahre 1965. Zu jener Zeit konnte man noch Ursache und Wirkung auseinanderhalten. Heute eine Horrorvorstellung selbst für angeblich "Konservative".

    Nur deshalb kann es zu völlig verblödeten "Protesten gegen das Finanzsystem" kommen.

    Nur 10.000 in z.B. Frankfurt genügten, um innerhalb von Stunden unübersehbare Signale an die Politik zu senden:

    Statt vor der EZB herumzusitzen: Das gesamte Bargeld von den Konten abzuziehen und zu Hause zu bunkern. Nur noch Barzahlung, soweit möglich, eitreffende Gelder ebenfalls sofort abheben. Auf Konten darf kein Betrag über 5 € stehen. Wetten, daß dies wirkt? Nor 10.000 an einem Vormittag....

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  8. @Rasyon
    "Die Ablösung einer Geldschuld muss aber immer angenommen werden, wenn sie in Euro erfolgt. Mein deutsches Gegenüber kann nicht darauf bestehen, dass ich in USD zahle."

    Ist es nicht so, daß vor Vertragsunterzeichnung vereinbart wird, ob in USD, EUR oder "was auch immer" bezahlt wird?

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  9. @quer
    Ob ein Bankenrun die Staatsbürokraten beeindruckt? Die EZB braucht doch nur Geld/Garantien den Banken zur Verfügung stellen, Problem gelöst!

    Was sollen eigentlich die Internetkunden machen? Mit einem Bargeldlimit von 400 EUR muß ich ein paar Monate zur Bank "runnen" um auf dem Konto null zu haben.

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  10. @ Anonym:

    Wenn 10.000 in einer einzigen Großstadt gleichzeitig (Flaschmob) an einem Vormittag ihre Konten (bis auf 5 €) auf quasi null stellen, dann werden Sie erleben, wie es um die verfügbaren Realmittel bei den Banken steht. Bei denen wird Panik ausbrechen und die Rollos gehen schneller runter, als Sie atmen können.

    Wenn am nächsten Tag sich Gleiches in einer anderen Stadt ereignet, dann sollen Sie mal sehen, wie rasch Bewegung in die künftige Funktion und Organisation des Bankenwesens und dessen Haftungsstruktur der Vorstände und Aufsichtsräte in Richtung Erhard’schem Marktverständnis kommt. Die sog. „keinen Deppen“ haben es durchaus in der Hand.

    Die „Demonstranten“ , die jetzt noch vor der EZB herumlungern, können außer Lärmen nichts bewegen. Sie können und sie wollen es auch nicht. Klartext: Furzen ist nun mal nicht scheißen.

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  11. Solange wir Zentralbanken und Mindestreserve haben sind Bankenruns unausweichlich. Und egal wie oft Rayson es schreibt, es bleibt dabei der Staat hat das Geldmonopol und die Zentralbanken können den Zins beliebig nach unten bugsieren (was man ja derzeit gut beobachten kann). Es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß ein Zins um 0.5 % liegen könnte. Aber Zentralbanken machen es möglich. Ohne Zentralbanken, gäbe es einen Geldmarkt und der würde mit Sicherheit besser funktionieren als Zentralbankmonopole

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