Samstag, 31. März 2012

Eklat im Sicherheitsrat

Die dringend notwendige Intervention von UNO-Hilfstruppen nach dem weltweiten Zusammenbruch des pleite gegangenen Huppsi-Marktes wurde heute durch ein Veto des südgermanischen Freistaats Bavaria verhindert. Die marktradikale Splitterpartei FDP, auf deren Unterstützung der erzkonservative Machthaber Bavarias, Seehofer, derzeit in seiner Regierung angewiesen ist, habe sich dem Verlauten nach, vehement gegen das sofortige Eingreifen der Vereinten Nationen gesperrt.

Die Regierungen progressiver Länder wie Espedenien, Grünistan und Rotfrontien zeigten sich daraufhin bestürzt und zutiefst erschüttert. Sie hatten zuvor eine gemeinsame Resolution in den Sicherheitsrat eingebracht, die die Vereinten Nationen ermächtigen sollte UN-Hilfstruppen in die durch die Katastrophe verheerten Gebiete zu entsenden.

Fassungslos reagierte auch die Nichtregierungsorganisationen Verdi, ob des bajuwarischen Vetos. Der globale Zusammenbruch der Strukturen des Huppsi-Marktes sei eine Katastrophe biblischen Ausmaßes, ließen führende Vertreter der NGO verlautbaren. In den betroffenen Gebieten herrschten Angst und Chaos, vor allem Frauen und Kinder alleinerziehender Mütter irrten verwirrt und schutzlos durch die verwüsteten Landstriche. Wasser und Nahrungsmittel würden demnächst zur Neige gehen, erste Berichte über Plünderungen wurden schon via Twitter und facebook verbreitet.
Außerdem würde mit jedem nutzlos verstrichenen Tag der Ausbruch von Seuchen wie Cholera und Durchfallerkrankungen wahrscheinlicher, hieß es von Seiten der Menscherechtsorganisation.

Ein sofortiges Eingreifen sei alternativlos, und dass ausgerechnet eine radikale Minderheitenpartei, deren Politik selbst in Bavaria selbst von 95 Prozent der Einwohner abgelehnt würde, die dringend notwendige Katastrophennothilfe zu Fall brächte, sei eine Schande für die Weltgemeinschaft - so Espedeniens Kriseninterventionsbeauftrageter Nils Schmid auf CNN.

-Break-

Ja okay, ganz so dramatisch war es dann doch nicht, was mir heute so alles an hyperventilierender Empörung geboten wurde, aber nah dran auf jeden Fall.

Schlecker ist pleite. Warum? Weil wohl kaum noch jemand dort eingekauft hat, schätze ich mal. Kleine, ranzige Lädchen mit nur teilgefüllten Regalen, am Laufen gehalten von Mitarbeiterinnen, die dort anscheinend in sklavenartigen Verhältnissen gehalten wurden. Mies bezahlt, mies behandelt und mit zuwenig Zeit für Kunden und Waren gleichzeitig. Eigentlich sollten alle erleichtert sein, dass "der Ausbeuter" weg ist vom Markt.

Blöderweise ist so eine Firmenpleite nicht nur damit abgetan, dass da jetzt eine Verkaufsfläche und ein Klingelschild frei werden. Da werden dann halt auch die Mitarbeiter nicht mehr benötigt, hier die früher ausgebeuteten Arbeitssklaven - jetzt "Schlecker-Frauen" genannt.
Was im Normalfall keinen Außenstehenden juckt - allenfalls den Bürgermeister, wenn eine große ortsansässige Firma die Tore schließt - wird hier nun zum Bundespolitikum. Die Magie der großen Zahlen macht die Staatsinterventionisten rappelig im Kopf - da will jeder schnell "was tun".

Ja, 10000 (1000 MA hatten schon von selbst gekündigt) ist eine Hausnummer - sicher - aber es ist halt "nur" 10000 mal ein Einzelschicksal, wie es jeden Tag irgendwo in Deutschland passiert. Es ist ja nicht so, dass da plötzlich der Hauptarbeitgeber einer Stadt die Tore schließt und diese nun zum Slum verkommen müsste.

So, und wer sind nun diese "Schlecker-Frauen", von denen es bestimmt in jeder größeren Stadt ein paar gibt? Sind die irgendwie zu blöd für jeden anderen Job, laufen die nur auf dem Schlecker-Betriebssystem und sind ansonsten unbrauchbar?
Ich meine, zu teuer werden sie ja nicht sein, wenn man den früheren Berichten aus der Drogeriehölle Glauben schenken darf - also warum in Gottes Namen sollten ausgerechnet diese ehemaligen Drogerie-Angestellten nun einer staatlich und gewerkschaftlich organisierten Sonderhilfe bedürfen? Also mehr Hilfe, als sie allen anderen in einem ähnlichen Fall zusteht? Warum reicht da das Arbeitsamt nicht aus, wie für jeden anderen auch?

Ist die Bundesagentur für Arbeit eventuell unfähig Einzelhandelsmitarbeiterinnen an den Einzelhandel zu vermitteln? Ich meine, der sucht ja durchaus Arbeitskräfte - hier hängen z.B. in fast jedem Laden "Mitarbeiter gesucht"-Schilder.
Ob eine Verkaufsfachkraft nun Drogerieartikel verkauft, oder vielleicht Lebensmittel, Tabakwaren, Brötchen oder Schuhe - ist das nicht egal? Warum sollen Schlecker-Ehemalige nichts neues finden? Eventuell ist es ja sogar endlich der Ansporn sich einen Arbeitgeber zu suchen, der einen nicht ausbeutet? Die Chance für so manche, die sich früher einfach nicht dazu durchringen konnte?

Aber vielleicht ist es ja wirklich so, wie der putzige Schreiberling der Süddeutschen in seinem völlig bescheuerten Kommentar "Unfähig, kalt, liberal" meint:
"...Wirtschaftsminister Philipp Rösler verweist auf die pauschal ansehnliche Stellenlage im Handel - als ob man einer Verkäuferin aus Detmold den Umzug nach Darmstadt zumuten könnte."
Wahrscheinlich gibts in Detmold keine weiteren Einzelhändler. Kann ja sein. Eventuell ist der nächste Jobanbieter 10 Kilometer weiter weg als die alte Schlecker-Filiale, was sich eine Verkäuferin bei den Spritpreisen einfach nicht mehr leisten kann.
Vielleicht könnte eine staatlich geförderte Auffanggesellschaft sie zu einer noch besseren Floristin umschulen, als es das Arbeitsamt eh tun würde, und sie könnte sich dann einen näheren Blumenladen aussuchen - kann ja alles sein. Nur glaube ich das nicht. Und ich glaube auch nicht, dass eine aus der Hüfte geschossene Staatsaktion mittelfristig irgend etwas für die Betroffenen verbessern würde.

Und außerdem glaube ich nicht, dass es keine Schlecker-Männer gibt (Lagerarbeiter, LKW-Kutscher, Bürohengste). Allein, dass diese bei der tränendrüsendrückenden Show hechelatmiger Betroffenheitsdarsteller komplett ausgeblendet werden, zeigt, dass es eben nur um die Außendarstellung der selbsternannten und nun leider durch die FDP verhinderten "Wirtunwasse" geht.

Das erbärmliche Warmluftgebläse Winfried Kretschmann hat sich hier beispielhaft geäußert:
"Man kann doch diesen Frauen nicht einfach die kalte Schulter zeigen", sagte Grünen-Politiker Kretschmann am Freitag in der ARD. Die "ordnungspolitischen Dogmatiker" der FDP seien Schuld daran, dass den Frauen nun die Arbeitslosigkeit drohe. Es bleibe abzuwarten, wie die Wähler mit den Liberalen umgingen, sagte er."
Die fiesen "Dogmatiker der Ordnungspolitik" haben uns die Tour versaut. Dabei hätten wir doch so schön medienwirksam "was tun" können! (Ist ja nicht unser Geld.)
Und aus Rache schreckt er nicht mal vor offenkundigen Lügen und Halbwahrheiten zurück. Die FDP sei Schuld daran, dass "den Frauen die Arbeitslosigkeit droht"? Sorry, den Frauen wurde gekündigt, die sind schon arbeitslos. Die Männer übrigens auch, aber die wirken wohl nicht so mitleidserweckend.

Und was zum Geier hat die FDP damit zu tun? Was überhaupt die Politik?

Mal sehen, wie die Wähler mit den Liberalen nun umgehen werden. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Großteil der denkenden Menschen diese Konsequenz honoriert. Bis jetzt findet ja sogar die Mehrheit im SpOn-Voting dass die liberale Notbremse richtig war.
Und wer weiß - wenn das nicht nur eine Eintagsfliege gewesen sein sollte, gewinnt man eventuell sogar wieder ein paar Wähler zurück.

Es wäre zu wünschen. Sowohl dass dies kein Zufallstreffer war, als auch, dass genau soetwas gewählt wird.

Kommentare:

  1. „Rotfrontien“?

    Werter Calimero, Sie müßten es doch noch wissen, das heißt Rotland ;)

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    1. Oh, als ich beim Barras war, gabs Rotland schon nicht mehr. Und als es Rotland noch gab, war ich wohl selbst dort wohnhaft. ;-)

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    2. Also wir haben auch noch 2002 unsere Pumpstationen gegen „einsickernde paramilitärische Sabotagetrupps, die teilweisen (!) durch reguläre Kräfte aus Rotland verstärkt werden“ verteidigt.

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    3. Nuja, mein KpChef war z.B. ein ehemaliger Oberleutnant der Panzertruppe der NVA, und das Bataillon selbst war auch noch mitten in der brandenburgischen Pampa stationiert.

      Obwohl man uns eine ganze Horde Wahnsinniger aus Calw und Nagold geschickt hatte, wären solche Rotland-Parolen sowohl bei den soldatischen Altbeständen wie auch bei den meisten Rekruten 1996 wohl nicht besonders verfangen.

      Ich erinnere mich nur an irgendeinen StUffz, der uns damit motivieren wollte, dass da jederzeit einer mit 'nem roten Stern auf dem Helm aus dem Gebüsch brechen könnte.
      Hat mich jetzt nicht besonders beeindruckt, denn zu den bei uns noch vor Kurzem real im Busch liegenden Rotarmisten hatten gerade wir Kinder ein besonders aufregendes Verhältnis.

      Für ein paar mitgebrachte Lebensmittel konnte man auch mal mit der Kaschi rumballern, oder mit dem Ural durch die Dörfer fahren. Auch die Rationszigaretten der Muschkoten fanden guten Absatz. ... Und für 'ne eingeschmuggelte Flasche Schnaps haben die einen fast adoptiert. ;-)

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    4. Oh, eine Berichtigung: Der Mann war Oberstleutnant. Nach der feindlichen Übernahme durch die BW dann aber nur noch Major.

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  2. die Kündigung wäre erst in 6 Monaten gekommen, wenn sie bis dahin aus der Transfergesellschaft heraus keinen Job gefunden hätten.

    Zweckmäßig wäre das Vehikel schon gewesen, was man bei Toppositionen Outplacement nennt. Freilich etwas, was man nicht nur Schlecker-Mitarbeitern sondern allen anbieten müßte. Aber bei der Menge an gleichartigen Fällen hätte es sich durchaus lohnen können, etwa Schulungsunterlagen und Ausbildungspläne arbeitsagenturübergreifend zu erstellen und zu koordinieren. So werkeln jetzt halt 100e Arbeitsagenturen nebeneinander die vielen gleichgelagerten Fälle ab. Das kostet am Ende wahrscheinlich mehr, nur verteilt sich die Summe auf viele kleine Einheiten und es fällt nicht auf.

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    1. Lieber Johann Grabner,

      ich sehe ehrlich nicht, worin das besondere Problem oder die besondere Ausgangslage in diesem Fall bestehen soll.

      Laut Wikipedia arbeiteten in den Filialen im Schnitt eine Vollzeit- und zwei Halbtagskräfte. Von 2010 Filialen ist bekannt, dass diese schließen. Gehen wir mal vom Wikipedia-Schnitt aus, und nehmen an, dass 2010 Vollzeit- und 4020 Halbtagsstellen davon betroffen wären. das wären dann also 6030 direkt Betroffene. Um auf die kolportierten 11000 zu kommen, füllen wir den Rest mal als Worst-Case pauschal mit Vollzeitlern auf. Das wären dann 4970. Plus 2010 haben wir also 6980 VZ- und 4020 HZ-Stellen die wegfallen - ein Verhältnis von 1 zu 0,6.

      Dies wiederum auf die 2010 Filialen bezogen bedeutet 3,5 VZ-Stellen und 2 HZ-Stellen pro geschlossenem Laden. Jetzt gucken wir uns mal die Verteilung der Läden an. Nehmen wir mal Detmold, wie es der SZ-Kommentator getan hat:

      3 Filialen ergibt rechnerische 10,5 VZ- und 6 HZ-Stellen. Und das in einer 73000 Einwohner-Stadt. Ob die örtlichen Arbeitsagenturen und Jobcenter damit überfordert sind? Immerhin gibt es dort schon mal fünf staatliche Ansprechadressen.

      Oder nehmen wir Cottbus. 2 geschlossenen Schlecker-Filialen mit rechnerisch 7 VZ- und 4 HZ-Stellen. Bei 100000 Einwohnern und hunderten anderen Einzelhändlern dürfte das auch kaum ins Gewicht fallen.

      Okay, das waren jetzt größere Städte - da wird's einfach. Es sind ja keine extrem spezialisierten Fachkräfte unterzubringen, sondern Verkaufspersonal mit nachgewiesener Erfahrung.

      In kleinen Gemeinden und strukturschwachen Regionen wird's natürlich schwieriger, aber der weggefallene Schlecker-Anteil am örtlichen Einzelhandel muss ja auch irgendwie ersetzt werden. Meinen sie nicht, dass sich da auch Plätze für die "Schlecker-Frauen" finden?

      Und was sollte eine staatlich-gewerkschaftliche Großsstruktur da an Schulungs- und Ausbildungsarbeit leisten? Die örtlich ansässigen Jobcenter sollten den jeweiligen Arbeitsmarkt und die potenziellen Jobanbieter besser kennen als eine speziell geschaffene Großstruktur. Und welche Schulungen sollten speziell ehemaligen Schlecker-Verkäuferinnen angeboten werden? Schuhverkauf? Tankstellenbetrieb? Floristik?

      Nö, ich denke, dass sich die tausenden Einzelfälle eher regional lösen lassen, als durch eine übergeordnete Auffang-Sackgasse.

      Beste Grüße, Calimero

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